Begegnungen

Am Strand von Byron Bay

„Bitte nimm doch endlich das Bild von der Wand und hänge etwas anderes auf!“

Meine neunjährige Tochter steht im Bad neben mir und schaut keck aus ihren Rehaugen. Nach Minze duftender Schaum quillt links und rechts aus ihrem Mund. Wie immer verwendet sie zu viel Zahncreme.

„Das Bild bleibt“, erwidere ich trotzig. „Was gefällt dir daran nicht?“

Ich frage mich, wer hier die Mutter ist.

„Es ist so, wie die langweiligen Lieder, die du ständig hörst.“

Balladen meint sie damit, auch klassische, ruhige Stücke, die ich gerne nachtberührt auf mich wirken lasse. Meine Jüngste kann sie nicht ausstehen, ebenso wenig Bilder, die eine Art der Sehnsucht ausdrücken. Bei meinem Wirbelwind muss alles fröhlich sein, bunt, am besten pink, und schwungvoll wie die Songs von Ava Max.

Mein Kind wird es aushalten müssen. Bewusst hatte ich das Bild dort platziert. Jedes Mal, wenn ich in der Badewanne liege, katapultiert es mich direkt an den Strand von Byron Bay, 2006. Eine große Reise quer durch den roten Kontinent. Damals war alles noch anders. Leichter. Jünger. Viele Entscheidungen lagen vor uns.

Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, als ich an diesem horizonteröffnenden Strand zum ersten Mal meine Füße in den weichen Sand steckte. Vor mir, hinter mir, neben mir, über mir … überall nur Weite. Stundenlang flanierten Thomas und ich entlang der Küste. Mal vertieft in ein Gespräch und dann wieder wortlos staunend, jeder in sich versunken.

Es waren viele Fragen gekommen, die ich mir im Stillen stellte. Eine Lebensphase, am Abgrund der Jugend und am Sprung ins Erwachsenendasein, geprägt von anerzogenen Werten. Meine Art zu leben musste ich erst finden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie lange das dauern würde.

Wohin soll deine Reise gehen?

Wie definierst du deine Ziele?

Welche Schritte bist du zu gehen bereit?

Möchtest du vielleicht sogar hier bleiben, am Ende der Welt?

Erkennst du dich an?

Was ist dir wichtig? Dir!

Nur eine kleine Auswahl meines Gedankenguts, welches ich an jedem anderen Strand, den ich besuchte, weiterspann. Sinnfragen, die sich von Mal zu Mal ein wenig veränderten in ihrer Form. Wie ich. Bis heute. Fragen, die sich meine Töchter auch einmal stellen werden.

Alles ist in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist. Flexibel wie ein Bambus möge man in Zeiten wie diesen sein, das las ich neulich. Was ich im Laufe der Jahre festgestellt habe, ist, und ich kann nur für mich, nicht für andere sprechen, dass es sich lohnt, nicht allzu streng mit sich zu sein. Manchmal muss man auch etwas loslassen, Pläne, die man einmal geschmiedet hatte, weil man glaubte, es müsse so sein.

Was wir leugnen, wird zum Element unseres Schattens.

Ziele, das habe ich gelernt, sehe ich heute viel mehr als Wege an, als Entwicklungen meines Begreifens. Ich werde versöhnlicher mit mir, nehme etwas Wind aus meinen Segeln und lasse mich auch einmal treiben auf den Wellen des Augenblicks.

Gedanken zum Leben. Vergehen. Wie Fußspuren. Sich finden. Im Pfad der Ewigkeit.

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Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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