Isa Hörmann

Blickwinkel der Unendlichkeit

Wir waren am Meer, als der Anruf kam. Es spielt keine Rolle, wo wir uns befanden, nur das Meer trug Gewicht, das Wasser trägt immer Gewicht. Mein Mann war mit unseren Töchtern unterwegs, während ich gedankenverloren einen Espresso zubereitete. Früh am Morgen war es, als Papa mit leiser Stimme sagte: „Oma ist heut Nacht gestorben.“

Da waren noch mehr Worte, Worte des Trostes, der Fürsorge, gefolgt von unserem Schweigen. Behutsam leitete die Stille mein Realisieren ein. Momente, mit welchen wir alle konfrontiert werden, irgendwann, Momente, die immer zu früh sind, Momente, die nachhallen und alles verändern.

Wir haben aufs Meer hinausgesehen. Meine Tränen stiegen leise, machten meinen Blick trüb, bis dieser sich mit dem Funkeln des Morgenlichts der Wellen vereinte. Du warst es, dein Gold, Oma, dein unverkennbares Gold. Ich war froh, dass der Wind die sichtbaren Spuren meiner Trauer trocknete. Er blies sie einfach davon, wie ein gesichtsloser Mund, der einen Klecks Tusche auf einem Blatt Papier in alle Himmelsrichtungen verteilte und sich wünschte, eine liebende Seele darin erkennen zu können. Nie schien der Horizont ferner, der Ozean tiefer, die Entfernung weiter, als an jenem Tag. Wir haben Muscheln gesammelt, für dich, sie dir mitgebracht, im Glas geschichtet und mit einer Schleife versehen.

Du warst speziell, Oma, anders. Alle, die dich gekannt hatten, wissen, wie ich das meine. Du machtest jede Nacht zum Tag, warst kreativ, impulsiv, lebtest deinen Hang der Extreme und hattest Tiere mit demselben Respekt wie Menschen behandelt. Deine Gestik bleibt unvergessen, ebenso deine Gabe, ein Schnitzmesser zu führen, Krippen zu bauen, kunstvollste Kuchen zu backen und noch so vieles mehr. Du hattest nicht nur Opa im Griff, sondern auch deine Familie, die du am liebsten zu mehreren um dich wusstest.

Wir haben dich an Alzheimer verloren. Oder hattest du uns an Alzheimer verloren? Wie fühltest du? Oft versuche ich mir vorzustellen, wann der letzte Augenblick war, den wir beide, du und ich, bewusst zusammen erleben durften. Einmal, als meine Hand die deine berührte, hast du dir womöglich zum letzten Mal gedacht: Das ist Isi, so nanntest du mich immer, meine Enkelin.

Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich vorstellen, was es bedeuten mag, seine Erinnerung und seine kognitiven Fähigkeiten zu verlieren. Die erste Phase, bitter, bestimmt. Vielleicht ist es aber später, von der anderen Seite aus betrachtet, gar nicht so erschütternd, wie es für die nicht Betroffenen ist, die betroffener zu sein scheinen als die erkrankte Person.

„Schau, Mama, der schöne Elefant!“, rief mein zweijähriges Patenkind neulich meiner Schwester zu. Bei uns im Dorf befindet sich ein altes leerstehendes Bauernhaus. Was andere als Ruine bezeichnen, ist für ein kleines Mädchen eine Kinoleinwand, mit einem wunderbaren Elefanten, der darauf abgebildet ist.

Was wissen wir schon vom Leben? Was ist die eine, was die andere Seite nicht ist?

Was nur?

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Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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