Begegnungen,  Isa Hörmann

Both Sides Now

Ist eine Schriftstellerin die Summe ihrer Erfahrungen oder könnte ihr Schaffen auch die Summe ihrer Sehnsüchte sein? Zarte Nuancen zwischen schwarz und weiß. Eine Facette nur. Hauchdünn, doch stark genug, um Worte zu färben. Eine unerfüllte Sehnsucht womöglich?

Gerne werden Gedanken im „Wir“ geteilt, doch schreiben wir im „Ich“ und hoffen auf einen gemeinsamen Nenner irgendwo da draußen. Unerreichbar und doch so nah. Wie ein gefühltes Verstehen zwischen den Welten.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Es ist noch warm und die Sonne beleuchtet eine stimmungsvolle Kulisse in goldenem Licht. Ich beobachte ein paar Schmetterlinge, die sich an Lavendelblüten nähren. Dieser schöne Moment wird enden, so erfüllen mich Freude und Wehmut zugleich und ich lege meinen Soundtrack für den letzten Juli-Tag auf.

Die Streicher lassen ihre Bögen leise über die Saiten tanzen. Ich weiß, was mich erwartet, trotzdem bin ich zutiefst ergriffen … so, als hörte ich diese wundervolle Stimme zum ersten Mal.

Joni Mitchells „Both Sides Now“ schenkt mir auch heute einen berührenden Augenblick.

Wenn sie singt, dann geschieht etwas mit mir. In mir. Ganz tief ergreift mich ihre Erfahrung, die in sanft rauen Tönen ein ganzes Leben zeichnet. Ich lasse mich treiben und bin irgendwo zwischen den Schmetterlingen. Ich sehe deren Leichtigkeit, fühle die Zartheit dieser faszinierenden Insekten.

Ein Blick auf beide Seiten. Auf das Erlebte. Das Gefühlte. Das Gewünschte. Der Prozess der Veränderung und Wahrnehmung. Jugendliches Träumen streift an den Wolken vorüber, die ihre Geschichten im Wind immer wieder neu erzählen.

Täuschungen, die im Laufe der Jahre erkennbar wurden. Beide Seiten annehmen. Die Liebe. Freundschaften. Das Licht und den Schatten. Der mühsame Kampf, Verletzungen zu verarbeiten. Die Reife der Gelassenheit anzustreben. Zu akzeptieren. Das eigentliche Sein zu leben. Zu verstehen, dass diese Wahrheit für andere nicht spürbar ist.

Sind es nur Illusionen, an die ich mich zu erinnern glaube? Kenne ich das Leben wirklich? Möchte ich es jemals kennen?

Vielleicht geht es gar nicht darum, zu verstehen, sondern darum, einfach zu sein, das Leben vorbeiziehen zu lassen und dabei Erfahrungen zu sammeln. Gast zu sein. Zu bereichern und manchmal, wenn das Herz danach verlangt, alles niederzuschreiben.

Ich möchte mir diesen Zauber bewahren. Die wortlosen Tönungen. Das Dazwischen.

Und dieses Wunder jeden Tag in der Abendsonne bewusst geschehen lassen …

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