Isa Hörmann Autorin Österreich
Begegnungen,  Isa Hörmann

Both Sides Now

„Ein Schriftsteller ist die Summe seiner Erfahrungen.“

Ist er das tatsächlich? Oder könnte sein Schaffen auch die Summe seiner Sehnsüchte sein? Eine zarte Nuance zwischen Schwarz und Weiß. Eine Facette nur. Hauchdünn, doch stark genug, um Worte zu färben. Eine unerfüllte Sehnlichkeit womöglich? Vielmehr eine Symbiose aus beidem?

Wer weiß das schon…

Gerne werden Gedanken im „WIR“ geteilt, doch schreiben wir im „ICH“ und hoffen auf einen gemeinsamen Nenner irgendwo da draußen. Unerreichbar und doch so nah. Wie ein gefühltes Verstehen zwischen den Welten.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Es ist noch warm und die Sonne wirft tiefe Schatten. Ich beobachte ein paar Schmetterlinge, die sich an Lavendelblüten satttrinken. Freude und Wehmut erfüllen mich und ich lege meinen Soundtrack für den letzten Juli Tag auf.

Leise lassen die Streicher ihre Bögen über die Saiten tanzen. Ich weiß, was auf mich wartet, doch bin ich zutiefst ergriffen, als höre ich diese wundervolle Stimme zum ersten Mal.

Joni Mitchells „Both Sides Now“ schenkt mir auch heute einen besonderen Moment.

Wenn sie singt, dann geschieht etwas mit mir. In mir. Ganz tief berührt mich ihre Erfahrung, die in sanft rauen Tönen ein ganzes Leben zeichnet. Ich lasse mich treiben und bin irgendwo zwischen den Schmetterlingen. Ich sehe die Leichtigkeit und die Schwere, die diese faszinierenden Insekten immer wieder nach unten zieht.

Ein Blick auf beide Seiten. Auf das Erlebte. Das Gefühlte. Das Gewünschte. Der Prozess der Veränderung und Wahrnehmung. Jugendliches Träumen streift an den Wolken vorüber, die ihre Geschichten im Wind immer wieder neu erzählen.

Täuschungen, die sich im Laufe der Jahre erkenntlich zeigen. Beide Seiten annehmen. Die Liebe. Freundschaften. Das Licht und den Schatten. Den mühsamen Kampf, Verletztheiten zu verarbeiten. Die Reife der Gelassenheit anzustreben. Zu akzeptieren. Das eigentliche Sein zu leben. Zu verstehen, dass diese Wahrheit für andere nicht spürbar ist.

„It´s life´s illusions I recall, I really don´t know life at all.“

Kenne ich das Leben wahrlich? Werde ich es jemals kennen? Möchte ich es denn kennen?

Vielleicht geht es gar nicht darum, zu verstehen, sondern darum, einfach zu sein und das Leben vorbeiziehen zu lassen. Gast zu sein. Zu bereichern. Zu geben.

Ich möchte mir diesen Zauber bewahren. Die wortlosen Tönungen. Das Dazwischen.

Und dieses Wunder jeden Tag in der Abendsonne bewusst geschehen lassen…

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