Begegnungen,  Isa Hörmann

Das Blau in mir

„Was spiegelt sich in deinen Augen?“ Mit dieser Frage ließest du mich, liebe Desiree, am Morgen gedankenversunken zurück. Jetzt ist es Abend und ich verweile noch in deiner Geschichte, in der Beschreibung deiner elfenhaften Hände, in deiner Herzenswärme und Tiefe.

Ein Blick in den Spiegel, um zu ergründen, um mich, meinen Ausdruck zu verstehen. Blau. Die Farbe meiner Augen. Da ist ein See. Ein Bergsee. Kristallklar. Manchmal auch trüb. Meine Regenbogenhaut glänzt dunkelblau und ist schwarz umrandet. Ein paar Sprenkel sind zu sehen. Sie funkeln, weil ich mich freue. Über den Herbstwind, das Neuland und über die atemberaubenden Erlebnisse, die mir geschenkt werden.

Mein Spiegelbild reflektiert das Gewesene und erfreut sich am Jetzt. Heute begegnet mir kein klares, sondern ein gedankenverschwommenes Blau. Vollmond naht und mich sehnt es nach der Musik von Debussy. „Clair de Lune“ möge mich in die Nacht begleiten. Obgleich meine Augen lieber geöffnet bleiben, denn ich schlafe nicht gern.

Zu viel geträumt.

Gefürchtet.

Geweint.

Zu viele Orkane, die mich heimsuchen, wenn es dunkel wird.

Wenn ich aber mit allen Sinnen spüren, fühlen, wahrnehmen möchte, dann schließe ich meine Augen. Furchtlos und in schönster Erwartung.

Groß und mandelförmig wachen sie unter von feinen Äderchen durchzogenen Lidern und dichten Augenbrauen. Von Lachfältchen umrahmt. Neugierig auf mein Gegenüber. Mein Blick hält stand und ich bedaure es, dass sich viele Menschen davor scheuen, einander bewusst in die Augen zu sehen.

Könnte die Begegnung zu tief oder gar zu ehrlich werden? Zu nah vielleicht?

Der zweite Blick ist es. Das Dahinter. Details, die oftmals ungeachtet bleiben. Es reizt mich, das Besondere im scheinbar Einfachen zu entdecken.

Manchmal schmerzt es mich. Auch seelisches Leid vermag ich zu erkennen. Ohne Worte. Über Blicke getauscht. Schwere, die nach Leichtigkeit schreit. Und wenn der Augenblick ein guter ist, dann brechen Staudämme und werden zu reißenden Flüssen, die in ruhigen Gewässern, ja, sogar in zauberhaften Seen enden können.

Wahrhaft zu sehen ist eine Entscheidung und erfordert Mut. Das Augenlicht zu besitzen ist so viel mehr, als nur Bilder an sich vorbeiziehen zu lassen. Es ist ein Geschenk von unfassbarem Wert.

Wenn ich in meinen Augen meinen Spiegel zu erkennen versuche, dann sehe ich mich als kleines Mädchen. Da sind Staunen, Freude, Sehnsüchte, Ängste und Sprachlosigkeit. Später gebe ich der Liebe einen Namen. Treffe auf Leidenschaft, Trauer, Wut und Feuer. Als erwachsene Frau entdecke ich eine mir bisher unbekannte Form von Akzeptanz und Freiheit in mir.

Der Spiegel meiner Augen möchte fliegen. Er möchte im Wind tanzen und das Leuchten selbst in der Tiefe des Bergsees bewahren.

Danke, liebe Desiree. Für deine Frage, dieser ich – ehrlich eingestehend – nicht annähernd gerecht werden konnte.

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