Begegnungen,  Isa Hörmann

Das Ende der Welt

Ich bin dort gewesen. Habe gesucht und verloren, was ich nicht finden konnte. Geleitet war ich von der Hoffnung, eines Tages diesen einen Punkt zu finden, kaum sichtbar, als hätte eine Bleistiftspitze für das Aufblitzen eines Flügelschlags ein unbeschriebenes Blatt Papier geküsst.
 
Mit der Kuppe meines Zeigefingers wollte ich diese Stelle berühren. Vielleicht gibt es sie gar nicht. Oder sie ist in den Tiefen des Bermudadreiecks verschwunden. Ich weiß es nicht.
 
Immer dann, wenn ich wie ein verängstigtes Reh zu fliehen bereit war, wenn meine Wut nicht über Worte hinaus, sondern über Ventile gegen mich gerichtet war und wenn ich auf Unverständnis stieß … in solchen Momenten wollte ich von oben nach unten. Ein Loch graben und ohne Umleitung auf die andere Seite gelangen. Ankern. Mich in Luft auflösen und ankommen in einem neuen Land. Unbewohnt. Geheimnisvoll und ohne Grenzen.
 
Manchmal wünsche ich mir diesen Sehnsuchtsort noch herbei. Meist, wenn die Dunkelheit Einzug hält und der Mond richtungsweisend, von Sternen umrahmt, sein Leuchten in die Nacht bettet. Es ist ein Geflecht meiner Phantasie. Ineinander verwoben. Wie eine Python, die ihre Mahlzeit mit ihrem Schlangenkörper süßumarmend begrüßt. Ein Refugium der Geborgenheit. Des Verstandenwerdens. Ein Platz der unsichtbaren Bande. Gläsern. Zart. Und still. Hier sind keine Worte vonnöten. Nur Augenblicke, die zeitlos sind.
 
Wo bist du, liebes Ende? Kann ich denn jemals bei dir ankommen? Das Ende der Welt ist doch immer auf der anderen Seite, egal, wo ich mich gerade befinde. Dort ist es gut. Dort darf ich sein. Dort will ich hin. Auch wenn ich niemals ankommen werde.
 
Welche Musik wird gespielt? Welche Saiten bespannt? Welche Märchen geschrieben? Für immer ist für immer, habe ich einmal gelesen. Und das Jetzt? Die Momentlichkeit, das Kostbarste, das uns geschenkt wird …
 
Das Jetzt ist bereits da. In mir. Es lässt mich nicht allein. Wir bestimmen. Zwei Herzen. Sie schlagen im selben Takt. Verbunden über den Mittelpunkt der Erde. Dieser ist überall und nirgendwo. Zwischen dem Hier und dem Ende, getragen von Gezeitenkraft. Alles darf, nichts muss sein.
 
Ich schüttle meine Schneekugel und halte sie gegen das Licht. Meine Augen dürfen geschlossen bleiben. Verträumt erkenne ich eine kleine Schaumkrone, die sich in der Luftblase bildet, so fest schüttle ich. Da ist kein Boden. Nur der Himmel über mir und die Schneeflocken stürmen. Mögen sie niemals aufhören zu tanzen.
 
Prana bedeutet Lebensenergie. Sie fließt unaufhörlich über 72.000 feinstoffliche Energiebahnen, Nadis genannt. Prana kann man messen, doch es strömt auch in einen nicht sichtbaren Bereich – in den Bereich der Gedankenkraft – hinein. Die Gedanken werden geformt von uns selbst. Wir schreiben unsere Geschichten. Wir gestalten unsere Zukunft. Es ist eine Entscheidung.
 
 
Hey, Ende! Wo auch immer du bist, ich komme zu dir.

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