Isa Hörmann

Das magische Element

Manchmal muss ich abtauchen. Wenn sich alles dreht im Kopf und Nächte wie Tage ohne Ende sind. Wenn sich mein Gedankengut in schwindelerregenden Höhen befindet und mir die Flut an Informationen die Freude am Denken zu nehmen scheint. Dann muss ich weg. Ich brauche Wasser.

O du herrlicher Morgen. Was die Vögel begonnen haben, vollendet die Sonne. Ein Weckruf mit Nachdruck.

Wir sitzen am Frühstückstisch. Die Kinder sind noch müde. Die Zeitung zeigt, was uns seit Monaten prägt. Wir unterhalten uns. Ich will was anderes lesen. Keine Berichte. Zahlen. Fakten. Spüren möchte ich. Zündstoff. Nichts Beschwerendes. Etwas Leichtes möge es sein.

„Lass uns zu einem See fahren!“

Wir tauschen Blicke. Thomas lächelt.

„Ich lad schon mal das Kajak auf.“

Mein Mann. Ein Tüftler. Im Winter hat er sich einen Traum erfüllt und ein Boot gebaut. Ein Kajak aus Holz. Mühelos im Wasser gleitend scheint dieses Kajak dem vorgeblich Wichtigen seine Bedeutung zu nehmen. Es lädt dazu ein, jeden Moment in seiner Schlichtheit wahrzunehmen.

Eine Stunde später sitzen wir im Auto. Unsere Herzen lachen vor Freude. Es geht ins Außerfern. Wenig Verkehr. Vorbei an der Zugspitze. Nur knapp vierzig Minuten sind es, die uns in eine andere Welt tragen. Der Heiterwanger See erwartet uns. Jedes Mal ein Anblick, der mich zu atmen vergessen lässt.

Ein kristallklares Gewässer. Von Bergen umrahmt. Es ist ein Gemälde der Natur. Dessen Farbenspiel reflektiert die Launen des Unsichtbaren, während sich die alpine Kulisse auf seiner Oberfläche spiegelt.

Noch ein paar Minuten und das Kajak zieht die Spuren des Tages und erzählt eine neue Geschichte. Es ist noch kühl, doch die Wärme der Sonnenstrahlen landet auf unserer Haut.

Thomas paddelt los. Nach ein paar Sekunden befindet er sich im Himmel. Ich sehe es ihm an. Die Mädchen und ich wandern den Waldpfad entlang in Richtung Plansee. Durch einen Kanal sind die beiden Seen miteinander verbunden. Doppeltes Glück zwischen den Welten. Wir treffen uns immer wieder und wechseln uns ab.

Links. Rechts. Links. Rechts. Links … Es ist ein Rhythmus. Sanft plätschernde Trommelschläge. Das hölzerne Paddel taucht ins Wasser, treibt uns voran und lässt uns dahinter. Alles ist still. Alles ist gut.

„Mama, ich hab Hunger.“

Es bedarf nicht, auf die Uhr zu sehen. Meine Jüngste ist die Uhr.

Wir suchen uns ein Plätzchen am Ufer. Beseelt treibt Thomas auf uns zu. Wir breiten eine Decke aus und essen gemeinsam. Die Große sammelt Steine in ungewöhnlichen Formen. Ein Schuh. Ein Totenkopf. Ein Blitz. Zum Anmalen und Erinnern an einen besonderen Tag.

Es lacht mich an. Das Wasser. Der tiefste Punkt im See beträgt fünfundsiebzig Meter. Ich frage mich, wie das Leben da unten aussehen mag?

Vierzehn Grad. Dennoch. Ich muss rein. Es ist bitterkalt. Wie gut es tut. Ein paar Brustzüge nur. Meine Haut kribbelt am ganzen Körper. Ich schwimme im Feuerwerk.

Am späten Nachmittag fahren wir nach Hause. Sind gedankenverloren frei.

Und ich fühle mich wie neu.

4 Kommentare

  • Silvia Wöß

    Liebe Isabel!

    Es ist jedesmal eine große Freude deine Geschichten zu lesen.
    Meist erzeugen sie ein beruhigendes Gefühl, wenn zwischen den Zeilen faszinierende Bilder auftauchen. Einfach wunderbar, ein Genuss❣️

    Ich wünsche dir von ganzen Herzen, dass du immer wieder die Zeit findest, deine Gedanken, Eindrücke, Gefühle und Ideen niederzuschreiben.

    Silvia W.

    • isahoermann

      Liebe Silvia,

      wie sehr ich dir danke! So ein schönes Kompliment… Ich freue mich innigst über deine Worte.
      Auch für deine guten Wünsche – ich bin berührt.

      Herzlicher Gruß
      Isa

    • isahoermann

      Danke liebe Silvia,

      was zu Wasser alles geschehen kann… auch wenn eigentlich nicht viel geschieht. Magische Momente.

      Lieber Gruß
      Isa

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