Begegnungen,  Isa Hörmann

Der Concierge hinter dem Glas

Nach meiner Rebellion landete ich in der Brixnerstraße. Eine bodenständige medizinische Ausbildung in der Kieferorthopädie ließ mich Fuß fassen, nachdem ich der Schule ein trotzköpfiges Adieu hinterherbrüllte. Gestrandet in einer Praxis, einem Wohnzimmer gleich. Die Galerie der Künste, deren skurrile Fantasiegestalten an den Wänden mich unentwegt bezirzten. Mein Chef und Lehrer, ein anthroposophisch querdenkender Professor, der mich bis zum Anschlag herausforderte und, wie könnte es anders sein, bis heute begleitet. Ein Kopfsprung ins kalte Nass. Die abwechslungsreiche Arbeit, die kleinen und großen Patientinnen und Patienten, die sich mir anvertrauten, mir Einlass in einen der intimsten Körperbereiche, dem Mund, gewährten, das Handwerk, dieses Sammelsurium der Zahnwelt wuchs mir ans Herz.

Ein Team besonderer Frauen. Aus Begegnungen wurden Freundschaften. Der Freitag war für technische Arbeiten vorgesehen. In musikerfüllten Stunden stellten wir Gipsmodelle und Zahnspangen her, wir erzählten einander und hörten uns zu.

Gegenüber thronte ein 5-Sterne Hotel, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Große Glasscheiben gaben Einblicke in das Leben anderer. Menschen, vis-à-vis, sie kamen von überall her. Ich nahm sie wahr hinter dem Glas und manchmal nahmen sie auch mich wahr. Geschäftsleute, nervös telefonierend und gestikulierend gingen sie auf und ab. Touristengruppen, die ihre Kameras wunddrückten und dabei auf den eigentlichen Moment vergaßen. Ich erinnere mich an eine alte Dame, elegant gekleidet, sie hielt einen kleinen Spiegel in ihren knochigen Fingern und zupfte mit der Pinzette an ihrer Gesichtsbehaarung. Einmal saß eine junge Frau am Fenster, sie war wunderschön und kämmte ihr langes Haar. Sie sah aus wie Glück, doch aus ihren Augen quoll Schmerz. Plötzlich blickte sie zu mir und ich schenkte ihr ein Lächeln. Es kehrte zu mir zurück, auch ihre Hand, die sie an die Scheibe drückte, ich tat es ihr gleich. An einem anderen Tag, im Winter, es dämmerte und die Schneeflocken tanzten im Lichtermeer der Stadt. Eine Frau und ein Mann, beseelt, sie waren völlig in sich versunken und teilten sich eine Kugel Eis. Hin und wieder waren auch Musiker dort, die Konzerte in Innsbruck gaben. Viele befüllten den Tank des Klischees und feierten bereits vor ihren Auftritten, sie lebten auf der Überholspur, aber sie lebten. Da waren auch Kinder mit Geschenktüten und leeren Gesichtern, sie ließen mich nachdenklich zurück. Hie und da schickte ich einen Papierflieger mit einer Botschaft hinüber, auf die andere Seite. Freundinnen, Eheleute, Reisende, Menschen, wie du und ich. Sie alle waren da.

Plötzlich war es Zeit für den nächsten Abschied. Ich wurde Mutter. Adieu hieß es wieder, und hätte mir damals jemand gesagt, ich würde eines Tages in einem Hotel arbeiten … ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Ich war auf der anderen Seite und baute eine Brücke. Jetzt bin ich du.

Komm, sei mein Gast.

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Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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