Isa Hörmann

Der Kuss

Sie versinken in Blattgold und Öl. Ein Mann beugt sich hinab, zu seiner Liebsten, berührt ihren Kopf, behutsam, als könne dieser zwischen seinen schlanken Fingern brechen, würde er auch nur einen Hauch zu fest greifen. Beherrschen muss er sich, denn er möchte sie erfassen, in ihrer gesamten Fülle, seine Angebetete, fest möchte er sie halten und nie wieder loslassen.

Zwei Liebende auf feingeknotetem Leinen geben sich einander hin, sie verlieren sich in ihrer Vertrautheit und möchten ihrer Sehnsucht nachgeben, ihren Durst stillen, ihre wortlose Sprache finden. Die Lippen eines mit Efeu bekronten Mannes, sinnbildlich für tiefste Verbundenheit, über den Tod hinausreichend, finden die Wange einer Frau, deren elfenbeinfarbene Zartheit Einblicke in ihr Wesen gewährt. Ein Bildnis der Hingabe, gebettet in eine blühende Wiese am Abgrund des Unvorhersehbaren, diesen die Frau mit ihren Zehen zu spüren vermag. Doch wahrhaben möchte sie nicht, den Abgrund.

Unter einem goldenen, mit Ornamenten versehenen Mantel des Schutzes verschmilzt das Paar zu einer Einheit, selbst seine Gewänder mit kontrastreichen Mustern fügen sich zu einer Robe der Unendlichkeit. Knieend, mit geschlossenen Augen, gibt sie sich seiner Obhut hin, umfasst seinen starken, kraftspendenden Nacken, um das Leben, die Geborgenheit und Liebe zu spüren, die ihnen geschenkt wird. Eine Intimität, die berührt, die das Wesentliche zweier Menschen auf 180 x 180 Zentimetern auf eine einzigartige Weise zum Ausdruck bringt. Dieses Mosaik der Nähe brennt sich in die Seelen der Betrachtung, für immer eingraviert.

Ein reduzierter Hintergrund des Gemäldes offeriert das Eingehülltsein im Gold der Sonne, in der Opulenz des Jugendstils, die prachtvoller strahlen könnte. Der Kuss. Ein Kunstwerk für die Ewigkeit, geschaffen Anfang des 20. Jahrhunderts, von Gustav Klimt. Wie gerne hätte ich ihm über die Schulter geschaut, damals. Ich hätte ihn beobachtet, hätte versucht, den Künstler über seine Mimik zu lesen, um den Prozess seines Malens nicht zu stören.

Die Kunst gibt uns Raum zur Interpretation. Sie ist der Ausdruck einer menschlichen Seele. Was wir in ihr sehen, ist, was wir uns erlauben. Kunst wahrzunehmen, sie zu ehren, sich an ihr zu erfreuen, all das und noch viel mehr wird uns geschenkt.

Streifzüge durch Museen lassen mich innehalten, immer wieder, ergriffen davon, wozu Menschen in der Lage sind, welche Kraft von ihren Werken ausgeht. Orte der Ruhe, der Begegnung, der Erhaltung dessen, was uns ausmacht. Auch, wenn heute die Zeiten andere sind, bleiben die Emotionen, die uns leiten, dieselben. Wir alle hinterlassen unsere Spuren, selbst und besonders abseits der Pfade.

Sein möchte ich, genau jetzt, nachts im Belvedere. Und vielleicht hätte ich ein Glas Rotwein in der Hand, sitzend, auf einem schlichten Stuhl, um mir alle Zeit der Welt zu nehmen, den Kuss in gespenstischer Stille zu genießen.

Danke Gustav. Du hast deine Sache gut gemacht.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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