Isa Hörmann Autorin Österreich
Isa Hörmann

Der Ruf der Geige

Im Sommer schreibe ich vom Winter und im Winter male ich den Sommer herbei. Ich bin hungrig nach den Essenzen der Jahreszeiten. Eine Jägerin der Stimmungen. Um sie mir später herbeizuholen und mich darin zu suhlen.

Musikalisch untermalt ist jeder Moment viel mehr als nur ein Augenblick.

Er ist eingebrannt. In meinem Gedankengut verewigt.

Ich erinnere mich an den Advent. Es ist dunkel und schneit. Wir besuchen einen Christkindlmarkt. Liebevoll dekoriert. Lachende Gesichter. Lichterglanz. Oh du friedlich ruhiges Treiben.

Ein Künstler schnitzt einen Engel aus einem Eisklotz. Jeder Griff sitzt. Wir sehen verzaubert zu.

Ein Gefühl ist in mir. Es ist dieses Brennen, das ich spüre. Meine Antennen sind geschärft.

Ein Weihnachtshaus. Über eine Holzstiege gelangen wir ins Obergeschoss. In jedem Raum wird Selbstgemachtes präsentiert. Ich suche Ruhe und entdecke eine Ecke mit gehäkeltem Christbaumschmuck. Der betagte Dielenboden gefällt mir besser.

Eine Tanne. Sie duftet nach Heimat. Davor steht ein antiker Holzschlitten.

Und plötzlich sehe ich sie. Eine alte Geige. Achtlos an die Wand gelehnt. Sie ist in einem desolaten Zustand. Das Griffbrett und fast alle Wirbel sind abgebrochen. Risse in der Decke. Der Steg fehlt. Es schmerzt. Drei Schrauben stecken im Korpus.

Ich bin verliebt.

Sie ist für mich gemacht.

Voller Hoffnung frage ich die Ausstellerin, ob ich die Geige einmal halten dürfte. Die Dame sieht mich irritiert an.

„Von mir aus. In all den Jahren ist das Stück noch nie jemanden aufgefallen.“

Wie konnte das sein?

Als ich sie berühre und mit meinen Fingern über das geschichtengeprägte Fichtenholz streiche, glaube ich ihre Seele spüren zu können.

Woher kommst du, Schönheit?

Ich inhaliere ihren Geruch und betaste die Schalllöcher.

„Wem gehört diese Geige?“

„Einer Bäuerin. Sie ist nicht da. Ich kann dir ihre Nummer geben.“

Nichts als Dankbarkeit.

Aufgeregt bin ich, als ich eine freundliche Stimme höre.

„Ich rufe wegen der Geige an. Die vom Weihnachtshaus.“

„Die Geige ist nicht zu verkaufen.“

„Ich habe aber das Gefühl, dass sie zu mir gehört.“

„Warum glaubst du das?“

„Schon als kleines Mädchen träumte ich davon, Geige zu lernen. Diese Geige hat MICH gefunden.“

Stille.

„Melde dich morgen nochmal. Ich frage meinen Mann. Der hat damals die Fiedel und andere alte Musikinstrumente in dem Haus entdeckt.“

Mein Bauch sagt mir, dass ich dieses Instrument schon bald spielen würde.

Der nächste Tag.

„Zu wem gehörst du?“

Amüsiert über die Frage nenne ich ihr den Namen meines Großvaters.

„Der Alfons! Er war so ein netter Mann. Ich habe mit seiner Schwester im Kloster gearbeitet.“

Wir werden uns einig.

Ein paar Tage später ist die Geige mein.

Ich lasse sie von zwei Geigenbauern begutachten und erfahre, dass sie um 1900 gebaut worden ist. Die Restauration würde viel mehr kosten, als sie Wert sei. Es rentiere sich nicht.

Für mich schon. Ich lasse die Geige zum Leben erwecken und lerne sie zu spielen.

Ihr Klang berührt mein Herz.

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