Begegnungen,  Isa Hörmann

Der Schatz unter dem Seespiegel

Ich verbinde mich nicht. Demut ergreift mich, als stünde ich ein erstes Mal vor einem Anblick, dessen Schönheit mich gefangen nimmt. Seen. Flüsse. Meere. Immer wieder erste Male. Immer wieder fremd. So gleite ich hinein, in den See diesmal, gewillt, mich dem Wasser hinzugeben, Schwere gegen Leichtigkeit zu tauschen. Meine Gedanken aber, sie durchdringen den mystischen Sog der Zeitlosigkeit, sie ziehen eine Grenze, wie ein Dorn, der unbemerkt einen Schnitt in der Epidermis hinterlässt, bevor der Schmerz beginnt.

Ist es möglich, jemals mit dem Wasser verbunden zu sein, diesem machtvollen Element anzugehören? Ist es mein Schicksal, für immer nur eine Gästin der Gewässer zu sein? Das frage ich mich, während ich am Ende des Holzsteges verweile. Baumelnde Beine suchen Halt. Meine Füße berühren das Wasser nicht, Zehen aber, die am Schilf streifen. Sie, die stets ein Widerlager braucht, selbst wenn es nur die zarte Spitze eines Schilfrohrs ist, die ein Spüren erlaubt.

Die Sonne löscht Wasserperlen auf meiner Haut, nicht gestillt ist deren Hunger. Interessiert beobachte ich ein paar Menschen, die mit der Idylle verschmelzen. Stimmungen, Wortfetzen, Gesichter, Körper, Emotionen, ein storchbeiniger Junge, dieser mit einem Kescher Fische fängt, nur, um sie freudig wieder zurück ins Wasser zu lassen. Sie alle ziehen an mir vorüber. Sie alle nehmen die Fremde wahr.

Ein älteres, einander vertrautes Ehepaar bemüht sich ins Wasser. Übetrieben bestückt sind sie, mit bunten langen Schwimmhilfen, die wie Antennen das Farbenspiel des Sees brechen. Sie bräuchten diese Schläuche nicht, nein, ihre Gelassenheit würde beide mühelos tragen. Wir beobachten uns. Plötzlich scheint etwas die Aufmerksamkeit der Frau zu wecken. Mit zusammengekniffenen Augen bückt sie sich und möchte, ohne ihr gebräuntes Gesicht zu benetzen, unter die Oberfläche sehen, weil da etwas ist, das golden inmitten der Seesteine glänzt. Ohne wegzuschauen, winkt sie ihren Mann herbei.

“Wenn das der Schatz vom Irrsee ist!”

„Ach, wer weiß schon, was das ist?”

Niemand bückt sich. Sie brauchen ihn nicht, diesen Schatz, lassen ihn ruhen, unter dem Seespiegel.

Ein roter Koffer bringt mich dorthin. Diese wundersame Reise an einen Tisch, der Menschen mit Sinn für Literatur und feinen Sensoren zusammenbringt. Ein Gasthaus mit Aussicht und Einblick in das Lachen und in die Tiefe der anderen. Auch jene, die nicht dabei sein können, gehören unsichtbar dazu, sind dennoch dabei. Ein Abend, der zu Herzen geht, ein Erleben, das nachhallt und mich in Dankbarkeit zurücklässt.

Als kleines Mädchen habe ich immer davon geträumt, einen Schatz zu finden. Ich stellte mir eine abenteuerliche Reise vor, mit Rätseln und Hindernissen. Heut weiß ich, diese Reise nennt sich Leben.

Ich habe den Schatz gefunden. Er funkelt hervor, in dir, in mir, in uns allen. Ein goldenes Schimmern der Verbundenheit, diese führt vom Ich zum Wir.

Wasser. Erde. Luft. Feuer. Äther.

Heute möchte ich Wasser sein.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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