Begegnungen

Des Bauers Enkelin

Alles bricht. Während das Gras gedeiht sortiert sich das Leben neu. Ich wähle eine Abkürzung, wie so oft, möchte dem Hauptweg entfliehen, um allein zu sein und meinen Gedanken nachzuhängen. Vorsichtig setze ich meine Schritte, mit Bedacht wähle ich sie. Mein Hund begleitet mich, ein Fliegengewicht, Felix zerstört nicht, er gibt, wie viel er mir doch gibt.

Da kniet eine Frau, etwas älter schon die Dame, auf den Pflastersteinen ihres Vorgartens. Sie trägt eine Schürze, jätet Unkraut und blickt skeptisch aus getönten Brillengläsern hervor. Ich spüre die Flut hinter zusammengekniffenen Lippen und gebe der Frau meinen Sanctus, ihren Unmut loszuwerden, indem ich sie freundlich grüße.

“Also du, des Bauers Enkelin, müsstest eigentlich wissen, dass man Ende April nicht mehr über die Wiesen gehen darf!”

Des Bauers Enkelin ringt um Worte, sie überlegt und wehrt den Angriff ab, sie bedankt sich und setzt ihren Umweg achtsam fort. Eine, die die Natur von Kindheit an liebt, eine, die in den Wäldern zu Hause und womöglich etwas skurril ist, eine, die Bäume umarmt oder ein Stück Mutterkuchen im Garten vergräbt und darauf eine japanische Zierkirsche pflanzt. Mit dieser Geste möchte sie ihre Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Eine Enkelin, die im Sommer barfuß herumstreift, um sich zu spüren und in Bergseen hineinspringt, eine, die eintaucht, in eine Parallelwelt auf diesem einzigartigen Planeten. Eine Rebellin, die Regeln bricht, denn sie fragt sich, wie sinnvoll so manche Regeln sind und von wem sie überhaupt aufgestellt werden, diese Regeln.

Ja, sie müsste es wissen, des Bauers Enkelin. Von ihren Ahnen hatte sie viel gelernt, dennoch sind die Zeiten und Voraussetzungen andere. Ebenso ist sie sich bewusst, dass sie mehr besitzt, als sie für ihr Leben braucht. Sie ist dankbar, unsagbar dankbar und versucht nachhaltiger zu leben, doch ist das Haus größer, ebenso das Auto, und der Kühlschrank voller, als es notwendig wäre. Die Enkelin hatte sich im letzten Jahr nichts Materielles gekauft, um zu spüren, hautnah zu spüren, was sie schon lange zu wissen glaubte. Für wahres Glück braucht es nicht viel, keine Gegenstände, nur Momente, Momente zwischen Menschen, die sich nahe sind, vielleicht noch eine rote Parkbank unter einem Baum und der Gesang der Vögel, nichts weiter. Den Ballast loszuwerden, minimalistischer zu leben, weniger haben zu wollen, ein gemeinsamer Blick, Begegnungen, Wärme, Liebe, Gesundheit und eine intakte Natur. Die kleinen Schritte mögen größer werden, in Anbetracht dessen, was hinterlassen wird.

Die Lyrikerin Roswitha Bloch hatte einmal gesagt: “Der Atem der Bäume schenkt uns das Leben.” Ich erlaube mir zu ergänzen, dass ebenso wir einander das Leben schenken, uns und allen anderen.

Des Bauers Enkelin ist auch nur ein Mensch, eine Mutter, die Fehler macht und im besten Falle daraus lernt. Der Gegenwind ist mächtig, ihr Wille auch.

Es tut mir leid, Erde, das möchte ich dir sagen.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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