Begegnungen,  Isa Hörmann

Dialog der Seelen

„Nach dem Tod, da gibt’s nichts mehr. Nada! Weder eine Seele, noch sonst etwas, schwirrt auf dem Friedhof herum.“ Die wachblauen Augen der Steinmetzin stechen aus ihrem gebräunten, von Falten gezeichneten Gesicht hervor. Sie lacht, scheint sich darüber zu amüsieren, mir diese Worte entgegenzuschmettern. Mir, einem Friedhofsmädchen! Ich bin neben einem Gottesacker aufgewachsen, hatte stets einen natürlichen Bezug zur Talstation des Totenreichs. Schon als Kind stellte ich mir die Frage, was übrig bliebe, wenn die menschliche Hülle dem Erdreich geschenkt wird. Die Seele, so hörte ich einmal zwei Alte, einen Mann und eine Frau, miteinander sprechen, sei unsterblich.

Aber was macht eine Seele aus? Man kann sie weder sehen noch anfassen, spüren schon, aber definieren?

Was eine Seele ausmacht, fragt er sich, oder sie, ich weiß es nicht genau, es ist auch nicht von Bedeutung. Doch, von Bedeutung ist es schon, aber ich kann es nicht, je älter ich werde, umso weniger, erklären. Was nach dem Tod geschieht, das werden wir erst hinkünftig erfahren, aber im Jetzt, spricht er zu sich, im Jetzt ist die Seele die Verbindung zum Äther, ein Instrument, das die Himmelsmusik spielen und auch hören kann, diese Klänge, einer Glasharfe gleich, Klänge, die ganz aus der Ferne zu kommen scheinen, zart gedämpft, ein wenig verrauscht, fast wie ein Grammofon des Firmaments, und dennoch für Menschen, deren Bande blau sind, deutlich zu vernehmen und in ihrer Botschaft klar. Die geisterhaft melancholischen Streicher in Fragments Part I „Traviata“ huschen umher. Teodor Currentzis benötigt für sein Dirigat keinen Stock. Die Kraft seiner vollführenden Hände ist genug. Hände und Bande in Blau sind genug, genug im Diesseits.

Ist eine Seele ein Gefühl, ein ewiger, sich in seiner Form verändernder Fluss? Ein Aneinanderreihen von Sehnsüchten, die, ohne Worte, einfach da sind? Oder ist sie eine Form von Energie, unsichtbar ihr Gegenüber suchend? Ist sie das Spüren, das Fühlen, das Leben einer organischen Hülle, die irgendwann Schicht für Schicht ihrer wahren Identität weicht? Unverhüllt ist sie. Eine vollkommene Seele. Unsterblich sei sie, ich hatte damals staunend zugehört, versteckt, hinter der Leichenkapelle. Ich weiß, dass es so ist. Eine Seele, meine, seine, ihre, alle Seelen sind für immer.

Zwischen Raum und Zeit ziehen sie ihre Bahnen, ganz selten aber nur begegnen sich zwei Seelengleiche. Und wo keine Arme sind, keine Körper, Empfindungen jedoch und Gleichklänge, dort ist ihr Zuhause. Wenn es so ist, wie ich glaube, wenn es wirklich so ist, dann verblassen alle Grenzen und die Furcht wird von der Liebe getragen.

Und plötzlich sind sie dann doch da, bei Seelengleichen, Arme, Schenkel, Lippen, ein blaues Band vom Jenseits bis ins Diesseits. Verwobene Seelen, Gedanken, Körper. Für immer. MusicAeterna.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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