Die einzelne Träne
Isa Hörmann

DIE EINZELNE TRÄNE

Meine erste Begegnung mit Yoga liegt nun über zwanzig Jahre zurück. Damals war ich aus Neugier in einen Kurs geschlittert. Yoga war noch wenig bekannt und alles andere als ein Trend. Es reizte mich, etwas Neues auszuprobieren.

Mein Lehrer Marcel war sanftmütig, hatte die schmale Statur von Mick Jagger, trug gebatikte Kleidung und sein Haar hing bis zu den Schlüsselbeinen. Als tiefenentspannter Vegetarier galt er damals als „seltene Spezies.“

Marcel unterrichtete traditionelles Yoga. Gedämpftes Licht, Räucherstäbchen und Klangschalen unterstrichen die ungewöhnliche Atmosphäre. So manches amüsierte mich zu Beginn und ich musste mir den ein- oder anderen Lacher verkneifen. Während der Meditation dachte ich an die Arbeit, die Feueratmung – Kapalabhati – brachte mich in Verlegenheit und während der Endentspannung – Shavasana – gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Spiritualität. Loslassen. Zur Ruhe finden. Fehlanzeige. Die Körperhaltungen dazwischen – genannt Asanas – gefielen mir sehr und ich mochte es, dass ich meinen Körper neu kennen lernen durfte.

Mein Yogalehrer erzählte mir, dass er jeden Tag mit einer Stunde Meditation beginnen würde. Für mich war es unvorstellbar, so lange mit geschlossenen Augen im Schneidersitz zu verweilen und einfach „nur“ zu atmen. Mein Geist war schon immer quirlig und ich habe bis heute Schwierigkeiten damit, mich zu konzentrieren. Ich lasse mich von allem ablenken. Es ist, als würden meine Sinne niemals ruhen. Ich höre, sehe, spüre, rieche, nehme wahr… alles prasselt auf mich ein. Meinen Geist zu kontrollieren gehört zu den großen Zielen, die noch vor mir liegen. Eine kleine Etappe dieser Reise habe ich bereits geschafft.

Damals war ich zu jung, um zu verstehen, wie wertvoll Yoga für mein Leben ist und ich probierte allerlei aus. Es ist zu mir zurückgekommen. Rückblickend hat mich Yoga in jeder Lebensphase dazu gebracht, mich mir selbst näher zu bringen. Es begleitet mich bis heute, doch die Meditation habe ich lange gescheut.

Im letzten April war ich Teilnehmerin eines Yoga Retreats. Die erste Einheit war meine größte Prüfung. Eine Stunde in Stille. Nach ein paar Minuten riskierte ich einen Blick in die Gruppe. Alle waren bei sich und ich rang bitterlich um Konzentration. Das Meditieren sollte von nun an jeden Retreattag eröffnen und bereits beim zweiten Mal merkte ich eine Veränderung. Es befreite mich, nichts tun zu müssen. Am dritten Tag geschah etwas Erstaunliches. Eine Träne kam hervor und bahnte sich behutsam ihren Weg über meine Wange.

Ich habe es noch nicht geschafft, der Meditation täglich Raum in meinem Leben zu geben, doch sehne ich sie mir jedes Mal herbei. Wenn ich diesen vollkommenen Moment erreiche und die Fülle meines Atems spüre, wenn ich meine Gedanken ziehen lasse und mir selbst begegne, dann ist sie da.

Ich kann mir es mir nicht erklären, woher sie kommt und was sie mir sagen möchte, doch sie ist ein besonderes Geschenk. Diese einzelne Träne.

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