Begegnungen,  Isa Hörmann

Die Enzyklopädie

„Mama, wie weit ist der Mond von der Erde entfernt?“

Seit jeher bin ich fasziniert vom Mond und dessen Anziehungskraft, doch ich habe nicht annähernd eine Idee, wie groß die Distanz zwischen uns und diesem atemberaubend schönen Planeten sein könnte. Während ich überlege, schnappt sich mein Mädchen das Tablet und ihre flinken Finger beginnen zu tippen. Ungeduldig ist sie, in ihrem Hunger nach Antworten.

„Als ich in deinem Alter war, wäre ich am Nachmittag in die Bücherei gegangen und hätte in einer Enzyklopädie nachgelesen. Da war es noch umständlicher, an Informationen zu kommen.“

„Eine was?”

„Eine Enzyklopädie, ein Nachschlagwerk. Damals gab es noch kein Internet, also konnte man auch nicht googeln, wofür man sich interessierte.“

Die Frage meiner Tochter befördert mich schlagartig zurück in meine Kindheit. In den Achtziger-Jahren durfte ich in einer bunten Zeit heranwachsen. Ich liebte meine Jogging High Turnschuhe, auf die ich Monate! gewartet hatte – was war das für ein Gefühl, als ich sie zum ersten Mal anziehen durfte – ich liebte die Musik, die ich in meinem knallgelben Sony-Walkman mit nach draußen nahm und damit über die Wiesen flitzte, und ein bisschen auch Michael J. Fox, der als Marty McFly mit Doc Brown und dem DeLorean durch die Zeit reiste.

In ihrem Song “Higher Power” würdigen Coldplay eine unsichtbare Kraft. Eine Energie, die in uns steckt. Das eigene Potenzial, das darauf wartet, entdeckt und ausgeschöpft zu werden. Dieser Song erinnert mich an die Musik von damals. Ich kann mich nicht satthören, bekomme Lust, von einem Berg auf zwei Rädern runter zu brettern, im Windschatten meiner Zukunft. Ich möchte tanzen, einfach unaufhörlich tanzen …

Es gibt Phasen im Leben, in denen Kräfte auch einmal schwinden. Wir entgleisen, sind neben der Spur, hie und da, müssen neue Wege finden, um zu erkennen, zu verarbeiten, um neue Welten entstehen zu lassen. Manchmal sind wir selbst betroffen, manchmal, wie das Wetter machtvoll an vielerlei Orten zum Ausdruck brachte, trifft es andere und wir fühlen, leiden und helfen mit, so gut es möglich ist.

Plötzlich sind da Menschen, die dir die Hand reichen. Sie schweben funkelnd wie die Milchstraße im Dunkel der Nacht, auch kann es vorkommen, dass einmal ein Stern vom Himmel fällt, direkt in dein Herz hinein. Solche Menschen berühren dich, weil sie dich verstehen. Das ist Verbundenheit, das sind Energien, die fließen, Worte, die sich in einer Schmetterlings-Serenade entfalten dürfen, Bücher die deinen Briefkasten stürmen, begleitet von handgeschriebenen nahegehenden Zeilen, ein paar gemeinsame Schritte, Vertrautheit, Eisberge, die in sommerlichen Seen gefühlt werden, Zeit, die pulverisiert an Gewicht verliert, Gegenüber, die einander Raum geben, unsichtbare Mächte, die uns leiten, die dir zeigen: Du bist nicht allein.

Das Schicksal schlägt unvermeidbar zu, im negativen wie im positiven Sinne. Es trifft uns alle. Irgendwann.

Die Nacht im Vollmond. Neonfarben. ÜberALL.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.