Isa Hörmann

Die geheime Kapsel

In der französischen Region Grand Est findet ein Ehepaar bei einem Spaziergang eine fünf Zentimeter lange Aluminiumkapsel. Unscheinbar ragt sie aus einem Feld hervor. Diese Kapsel enthält eine handgeschriebene Botschaft. Es stellt sich heraus, dass diese Zeilen, geschrieben von einem deutschen Offizier, 110 Jahre alt sind. Eine Brieftaube habe die Kapsel verloren und das kostbare Schriftstück sei nun im „Musée-Mémorial du Linge“ zu bestaunen.

Der Inhalt dieser Botschaft handelt von militärischen Übungen, die zwischen Bischwihr in Frankreich und Ingersheim in Deutschland stattfanden.

Dieser seltene Fund inspiriert mich dazu, meine Gedanken auf Reisen zu schicken. Bereits in der Antike wurden Brieftauben verwendet, um Nachrichten zu überbringen.

Taubenpost.

In unterschiedlichen Epochen für unterschiedliche Zwecke eingesetzt. Mein Interesse gilt weniger den militärischen Schachzügen, die zu Kriegszeiten auf diese Art ausgetauscht wurden, nein, ich denke an Liebende. Paare von damals, die sehnsuchtstrunken über einen langen Zeitraum auf eine Nachricht oder gar auf ein Lebenszeichen warten mussten. Zwei Seelen, die füreinander bestimmt, doch weit voneinander entfernt waren.

Wie könnten diese Seelen zueinander gefunden haben? Wie nur? Damals, als alles noch umständlicher zu erreichen war. Ein Kennenlernen, Gefühle entwickeln, sich ineinander verlieben, getrennt werden, es aushalten, sich verständigen.

Durch eine Brieftaube. Eine kleine Kapsel befestigt an ihrem zarten Fuße. Welch anmutigere Form der Flugpost wird es jemals geben?

Handgeschriebene Liebesschwüre, die ewig unterwegs waren und wohlschmerzlich erwartet wurden. Wie fühlten Hände, die einen Brief schrieben, der vielleicht Wochen brauchen würde, um anzukommen? Und wie behutsam öffneten die Hände jenes Menschen das Kuvert oder eine Botschaft aus der Kapsel einer Brieftaube?

Heute ist das anders. So viele Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben. Es scheint keine Grenzen zu geben, außer die Distanz, auch diese wird irgendwann dem Fortschritt weichen. E-Mails ersetzen Briefe, eine WhatsApp Nachricht übermittelt Gedanken und Momentaufnahmen binnen einer Sekunde.

Ist die Liebe heute weniger wert, weil sie scheinbar einfacher wachsen darf? Das denke ich nicht. Sie allein – und das hatte Albert Einstein bereits in seinem berührenden Brief an seine Tochter Liserl geschrieben – ist die stärkste Kraft im Universum. Die Liebe ist die Quintessenz des Lebens. Und da die Zeit relativ sei, und davon bin ich überzeugt, finden sich Seelen, die zusammen gehören jenseits von Raum und Zeit.

Hätte dieser deutsche Offizier kein Manöver übermittelt, sondern seiner Angebeteten einen Liebesbrief geschrieben, hätte er sich womöglich mit zärtlichen Worten wie: „Ich kann es kaum erwarten, Dich endlich wieder in meinen Armen zu halten.” verabschiedet.

Seine Liebe hätte dann vielleicht geantwortet: “Je vais vous attendre pour toujour.“

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.