Isa Hörmann

Die Kraft des Atems

Möwen über mir. Meine Augen wichen dem Salz und das Licht brach zwischen Himmel und Wasser. Ein Gemisch aus Hitze, Klängen und Gerüchen umspielte mich, als sich meine Kinderzehen im Sand vergruben. Mit jeder Welle verschwand ich mehr und mehr in diesem Traum, trieb abwärts und wünschte mir, dass die Zeit verschwinden möge. Da war eine Melodie, die ich noch nie zuvor gehört hatte, das Rauschen des Meeres. Es zog meine Gedanken unter das Azur und Neuland ließ mein stilles Ich verstummen, als ich zum ersten Mal in meinem Leben den Atem bewusst wahrnahm. Ich hatte keine Frage gestellt, stand einfach nur da, mit geschlossenen Lidern und bekam eine Antwort. Das Aerosol setzte sich nicht nur in meinen Atemwegen fest, nein, es regnete funkelnd herab und bedeckte meine Haut wie Samt. Plötzlich bemerkte ich, dass ich mit jeder Welle, die meine Füße berührte, die Meeresluft in mich aufnahm und jenen Wellen, die von mir wichen, gab ich meine verbrauchte Luft mit auf ihren Weg, hinaus, in die Weite.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

Ebbe und Flut. Ein Tanz im Bann der Gezeiten. Der Strand war übersät mit Touristen, doch in diesem Augenblick gab es nur das Meer und mich. Benommen öffnete ich meine Augen und war überwältigt von den Eindrücken, die ich noch nicht zu verstehen bereit war, doch wortlos und unvermeidbar zu lieben begann. Damals war ich vier Jahre alt und jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, möchte ich zurück an diesen Ort. Ich möchte zurück.

Meine Augen sind noch immer geschlossen, ab und an, wenn ich mich hingebe. Weil ich hören, riechen, schmecken, tasten und fühlen möchte. Durch das Atmen will ich sehen, dafür braucht es kein Augenlicht. Ich möchte sie nicht immer benutzen. Meine Augen. Weil ich es nicht mag, wenn mein Empfinden durch optische Einflüsse verändert wird. Nicht immer ist die Nacht schwarz, ich schenke ihr Farben, wenn ich nicht schlafe. Mal ist sie feuerrot, wie Lava oder indigoblau, wie der Spiegel meiner Gedanken. Das Firmament darf leuchten, so wie der Mond, unser großer Lehrmeister. Ein Leben beginnt mit dem ersten und endet mit dem letzten Atemzug. Unser Atem erzählt Geschichten, er verrät uns die Angst, indem er flach und eilig durch unseren Körper jagt. Er zeigt uns die Liebe, die Leidenschaft und die Freude. Er beschützt uns und holt das Meer nach Hause.

Heute Morgen um 8.00 Uhr gab ich eine Yogastunde im Hotel. Schließt eure Augen, sagte ich. Nehmt ein paar tiefe Atemzüge, um anzukommen. Alles darf, nichts muss sein.

Pranayama-Übungen bringen die Lebensenergie zum Fließen, sie verbinden Körper und Geist. Nach Monaten des Stillstandes ist es ein besonderes Erlebnis, gemeinsam Yoga zu praktizieren. Mit Musik führe ich durch meine Stunden, ich lade ein, miteinander zu atmen, gebe den Rhythmus vor, bis eine Energie entsteht, die in Worten nicht zu beschreiben ist. Durch den Atem hole ich den Tanz zurück. Das größte Staunen meiner Kindheit. Die Faszination des Meeres.

Wie Wind zum Anfassen. Unaufgeregt. Leise. Doch vollkommen.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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