Isa Hörmann

Die Wasserfrau

Ein schlagendes Herz. Ein Mensch wird geboren. Ein erster Atemzug. Die Seele so rein. Jedes Mal ein Wunder.

Kein Kind kann sich die Familie aussuchen, in die es hineingeboren wird. Es weiß nicht, in welchem Land, in welcher sozialen Schicht, Kultur und Religion es aufwachsen wird. Dieses Kind hat eine Farbe. Es ist die Farbe seiner Eltern.

Schicksal, Glück oder Unglück. Nichts anderes.

„I can´t breathe.“

Ein Satz verändert die Welt. George Floyd stirbt unter grausamsten Umständen. Auf dem Asphalt von Minneapolis. Mit dem Knie eines Polizisten im Nacken. Dieses Knie ist nicht allein. Floyds Herz hört auf zu schlagen. Weil dieser Mann schwarz ist.

Die Menschen gehen auf die Straße. Zu tausenden.

Wann wird diese zerstörerische Macht mit dem Namen „Rassismus“ endlich ausgelöscht? Wie viele Menschen müssen noch sterben, weil sie nicht weiß sind? Wie viel Diskriminierung muss noch ertragen werden, bis es endlich alle verstehen?

Weiß! Was soll sein? Ein Ticket in den Himmel? Eine Eintrittskarte in das Reich der Privilegierten? Etwas Besseres?

Meine jüngste Tochter ist mit einem starken Charakter auf die Welt gekommen. Ihr Wille unbändig. Meine Kleine ist groß. Schon jetzt. Sie ist Feministin und Menschenrechtlerin seit ihrer ersten Stunde.

Solidarisch setzt sie sich für andere ein. Hilft. Packt mit an.

Im Kindergarten gehen Freundebücher die Runde. Stichwort Sternzeichen.

„Mama, weißt du was mich aufregt?“

„Was denn?“

„Ich bin eine Frau. Da kann ich doch kein Wassermann sein!“

Zutiefst empört. Bis heute.

„Warum hast du mich nicht in einem anderen Monat bekommen? Dann wäre ich eine Jungfrau. Das wäre mir lieber.“

„Süße, es war eben im Februar. Du bist nun mal ein Wassermann.“

„Du täuschst dich, Mama. Ich bin eine Wasserfrau!“

Seitdem haben wir eine Wasserfrau zu Hause. Sie duldet nichts anderes.

Etwas länger her. Ein Mantra läuft im Hintergrund.

„Lokah Samastah Sukhino Bhavantu.“

Neugierig fragt mein Mädchen, was das für eine Sprache sei und was diese Worte bedeuten.

„Das ist Sanskrit. Sie bedeuten, dass alle Lebewesen glücklich und frei sein mögen.“

„Aber so ist es doch nicht. Vieles ist ungerecht!“

„Das stimmt leider, deshalb müssen wir alle einen Beitrag leisten, damit die Welt zu einem besseren Ort wird.“

Als meine Kriegerin in die Schule kommt und schreiben lernt, bastelt sie eine Tragtasche aus Papier. Sie malt, klebt und schreibt mit großem Eifer:

„Jeder Mensch hat das Recht auf ein glückliches Leben!“

Diesen Schatz bewahre ich auf. Meine Tochter bekommt ihn wieder, wenn die Zeit danach verlangt.

Daheim sind wir zu viert. Vier Individuen mit unterschiedlichen Interessen, Talenten und Meinungen. Respekt, Freiheit, Menschenrechte, Bildung, Umweltschutz, Politik oder Geschlechtergleichheit sind nur einige unsere Beilagen am Küchentisch. Oft geht es heiß her. Doch wir diskutieren.

Manchmal stoße ich an meine Grenzen.

Denn „Recht“ und „Gerechtigkeit“ liegen oft weit voneinander entfernt…

 

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