Isa Hörmann,  Poesie

Eden

Eine Mondsichel, sie zeichnet eine Rippe in das Dunkel der Nacht. Diese Rippe gehört einer Frau. Eva könnte sie heißen, oder Isa, oder einfach die Frau. Nackt, von wallendem Haar beschützt, streift sie sinnlich berührend alles Gewächs und dessen Blüten, durch mein Träumen. Sie weiß nicht, wo sie ist, nimmt des Atems beraubt wahr, was ihre Sinne an Kostbarkeiten einfangen. Warmes Licht wird zum Spiegel der Morgenstunde und die Sonne balanciert auf dem Zeigefinger des staunenden Wesens. Behutsam nähert es sich den Pflanzen und Tieren, die sich, von welchen Mächten auch immer geleitet, ineinander fügen.

Die Zeit, noch nicht erfunden, sie lässt jeden Augenblick den Zauber der ersten Berührung spüren. Die Silhouette der Frau verschmilzt mit dem Bildnis und eine ihrer Hände, ich weiß nicht mehr welche, vergräbt sich im Kaschmir. Sie bleibt lange dort, denn ihre Finger möchten sich nie mehr von dieser Weichheit lösen.

Mit einem stillen Schrei bricht ein Paradiesvogel in das Azur des Himmels auf. Durch dessen Flügelschlag verschwindet das zarte rahmenlose Grau und alles verwandelt sich. Die Farben, sie tragen Gerüche herbei, hinterlassen Geschmack und Einzigartigkeit. Bunt wird alles Leben. Klangvoll. Pur. Die Knospen öffnen sich im Tau und aus ihren Blüten fließt der Nektar. Honig, die Süße der Sehnsucht. Sie mündet in einem Fluss.

Die Frau bückt sich. Sie weiß, dass da etwas ist. Jemand. Eine Kraft. Ebenbürtig. Irgendwo in diesem Garten Eden. Andächtig schenkt sie ihre Sonne dem Wasser. Von Gold zu Gold. Leise ist es, und das Gewässer wird klar. Unzählige Fische treiben in der Strömung, dagegen ein paar. Dort, am anderen Ufer glaubt sie, etwas zu erkennen. Eine Gestalt, versteckt hinter einem Baum. Ein mächtiger Baum mit göttlichen Früchten, feuerrot lockend und süßlich ihr Duft.

Geleitet steigen ihre Füße hinein, in das Wasser hinein. Zuerst die Zehen, sie zeichnen Kreise, dann die Knöchel, Waden, sie möchte auf die andere Seite, unbedingt. Ihre Beine sind stärker als die Stromschnellen, die sich ihr auftun.

Der Baum, seine Früchte, zum Greifen nah. Noch nicht, meint die Erkenntnis. Lasziv tänzelt eine Schlange auf dem Geäst, sie säuselt und die Frau wickelt sie einfach um ihren Hals, hält sie sanft. Sie möchte ihr gut sein, der Schlange zeigen, dass sie keine Angst zu haben braucht.

Auf einmal öffnet sich der Himmel. Regentropfen, überall, sie glitzern und bedecken ihre Haut. Eine Frucht fällt zu Boden. Eine. Weich landet sie, verändert ihre Form nicht. Sie findet in zwei Frauenhände und deren Lippen, sie möchten kosten, aber die Gestalt ist nicht mehr da. Ein Gegenüber, eine Seele, der ihren ähnlich. Sie können sich nicht sehen, aber fühlen können sie sich.

Alle Gärten dieser Erde tragen Schätze. Sie möchten gefunden, genährt, geliebt werden.

Eden, so habe ich von dir geträumt. Wie schön du bist, wie unfassbar schön …

Ein Untergang womöglich? Ein Ticket ins Leben? Jeder Garten. Ein Paradies. Eine Chance.

Eden.

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Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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