Begegnungen,  Isa Hörmann

Für Dich

 

Liebe Oma,

ich umarme dich mit meinen Worten. Lieber würde ich dich an mich drücken und einen unbeschwerten Nachmittag mit dir verbringen. Oma, wir müssen dich aber beschützen, so wird dein heutiger Geburtstag ein wenig ruhiger und leiser sein, als die anderen Jahre. Es mache dir nichts aus, meintest du neulich. Tapfer gehst du mit der Situation um.

“Und Geschenk brauche ich auch keines. Vielleicht eine Zeichnung von meinen Urenkeln, das wäre schön.“

Die Zeichnungen bekommst du. Und mein Geschenk an dich ist diese Geschichte.

89 Jahre bereicherst du nun schon unsere Welt. Als Königin der Sprichwörter sagtest du einst:

“Jeder will alt werden und keiner will es sein.”

Jetzt bist du alt und deine porösen Knochen und deine kaputten Knie tragen dich nicht mehr weit, doch du bist immer noch da. Klar, präsent und voller Leben.

In unserem Haus war stets etwas los. Mama, Papa, meine Schwester und ich wohnten im Obergeschoss, Goti war auch noch einige Jahre bei uns, das fand ich sehr schön. Wie gerne bin ich morgens über das Stiegenhaus hinuntergetapst und habe mit euch gefrühstückt. Das beste Butterbrot gibt es bis heute bei dir, wie du weißt. Und wie gerne bin ich mit euch und Lea, unserer Hündin, in den Wald zur Futterkrippe gegangen, oder hinauf auf die Almen gewandert. So viele schöne Erinnerungen habe ich dir und Opa zu verdanken, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll.

Jeden Sonntag habt ihr mich mitgenommen in die Kirche und ich durfte eurem Chorgesang zuhören. In der Empore war eine Messe für ein Kind recht unterhaltsam. Opa dirigierte mit seinen großen Händen, zog nebenbei die Register für die Organistin und deine schöne Altstimme klingt in meinen Ohren nach. Die lateinischen Messen mochte ich übrigens besonders, ich glaube, das habe ich dir noch gar nie gesagt. Noch immer kannst du unzählige Lieder mit allen Strophen auswendig. Bei uns zu Hause wurde viel gesungen und musiziert. Wenn ich deine Stimme hörte, dann wusste ich, dass es dir gut geht.

Dein Traum, Lehrerin zu werden, wurde dir leider nicht erfüllt. Früher hatten die Frauen keine Wahl, doch du bist eine wunderbare Bäuerin geworden. Aber auch eine Lehrerin für mich, denn alles, was ich über die Natur weiß, weiß ich von dir und viele andere Dinge hast du mir beigebracht. Deinen Hausverstand, dein Geschick und deine Tierliebe habe ich immer bewundert. Ich spielte meist draußen und als Wildfang hatte ich mich oft verletzt. Danke, dass du meine zahlreichen Wunden so liebevoll verarztet hast. Deine Geduld war, ebenso wie Opas Flausen, unerschöpflich. Gerne denke ich an unsere Holland Reisen zurück. Schon die Fahrt mit der Bahn war ein einziges Abenteuer. Was haben wir gelacht!

Liebe Oma, für deine Familie, und wir sind viele, hast du immer dein Bestes gegeben. Dafür möchte ich dir von Herzen danken. Als erste deiner Enkelkinder durfte ich sehr viel Zeit mit dir verbringen und keinen Moment davon möchte ich missen.

Alles Gute zum Geburtstag, Oma. Bleib gesund.

Ich liebe dich.

Deine Isabel

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