Begegnungen,  Isa Hörmann

Handgeflüster

Komm näher. Lass uns leise sein. Ich möchte sie sehen, die Architektur deiner Hände. Die Beschaffenheit deiner Haut. Deine Form, Narben, den Rhythmus deiner Bewegung. Das Kippen deines Handgelenks und das märchenhafte Spiel deiner Finger.

Hände. Zwei beschützende Schalen. Ich liebe sie. Die Wege ihrer Ausführung. Ihre Ästhetik und Individualität. Was als Gedanke im Kopf beginnt, fließt über die Hände nach außen. Zweimal 27 Himmelsboten. Kunstschaffende Wunder. Ich bin dankbar für meine Hände. Sie sind klein, mit schlanken Fingern. Am liebsten mag ich meinen linken Daumen, er weiß am meisten über mich. Meine kurzgefeilten Nägel haben ausgeprägte Halbmonde. Diese Monde erzählen Geschichten von merkwürdigen Frauen. Jeden Tag schreibe ich. Seit ich zum ersten Mal einen Stift in meiner Hand gehalten habe, spüre ich den Hunger, alles Gefühl zu hinterlassen. Eine Skizze. Einen Gedanken. Ein Wort. Oder ein ganzes Leben.

Im Sommer lachen sie gebräunt, im Winter hingegen fassen sie elfenbeinweiß. Manchmal reißt meine Haut, wenn die Kälte ihre Spuren hinterlässt, doch es macht mir nichts aus. Dünne Haut ist über meine Handrücken gespannt, und meine Venen schimmern durch deren Oberfläche. Mit allen Sinnen berühre ich. Am liebsten, was unberührt blieb. Meine Hände fühlen. Sie tasten sanft. Geben. Musizieren. Sie lieben es, Materialien mit geschlossenen Augen zu erkunden. Holz. Papier. Stein. Glas. Haut. Sie tanzen mit Regenbögen, möchten fliegen. Mit der Kraft einer Löwin schlucken sie meine Wut, bei Angst zittern sie. Kaum spürbar. Wie der Lufthauch eines Flügelschlags. Filigrane Ringe umkreisen vier meiner Finger. Diese Ringe sitzen locker und brauchen Spielraum. So wie ich ihn brauche.

Eine Narbe auf meinem linken Zeigefinger erinnert mich an unseren ersten Familienurlaub am Meer. Damals war ich vier Jahre alt und fiel mit einem Glas in der Hand über die Treppe. Die Wunde musste genäht werden, der Schrecken mit Eiscreme verdrängt.

Meine Finger fühlen Liebe. Trösten. Sie blättern durch Bücher. Machen Notizen. Unentwegt. Sie stürmen über Tastaturen, schwärmen für Poesie und Ähnlichfühlende. Die Zeichnung meiner Handinnenflächen gleicht marmoriertem Gestein. Es ist, als läge ein Buchstabe darin verborgen. Er möchte mir etwas erzählen, so glaube ich. An meinem linken Handgelenk ist eine Lotusblüte in meiner Haut verewigt. Sie lässt mich an einen besonderen Menschen denken. Lola ist ihr Name, abgeleitet vom lateinischen „dolor“ – Schmerz.

Meine Hände tauchen ins Wasser und halten die Tropfen an den Fingerkuppen für einen Moment länger fest als notwendig. Kleine Schneekugeln weichen der Schwerkraft. Ich muss nur lange genug hinsehen und darin versinken, bis das Bildnis mit meiner Fantasie verschmilzt. In Gedanken schüttle ich daran, damit die Flocken im Kreis stürmen.

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