Begegnungen,  Isa Hörmann

Hauch der Freiheit

„Wenn ich ein Vöglein wär´

Und auch zwei Flüglein hätt´

Flög ich zu dir“.

So hieß es im Jahre 1806 in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Das Volkslied spiegelt die Sehnsucht eines Menschen wider, dessen Gedanken ständig um den Liebespartner kreisen.

Die Freiheit ist mächtig, tief greifend und voller Emotion. Perspektiven wechseln mit den Lebensphasen und Erfahrungen. Was in der Kindheit als frei empfunden wurde, wird heute mit kleinen, oft bescheidenen Gesten gelebt. Ein Spaziergang. Lachen. Tanzen. Lieben. Menschen, die nicht einengen, sondern bereichern. Seinen Gedanken nachhängen zu dürfen. Eine Entscheidung bewusst zu treffen. Grenzen, die keine sind, nur unsichtbare Bande, die von Auserwählten beschritten werden können. Das alles und noch viel mehr bedeutet Freiheit.

Die Freiheit zu wählen wurde uns genommen. Erneut. Entgegen ihrer Umlaufbahn windet sich die Welt. Seit Monaten Ausnahmezustand. Prognose: ungewiss! Globales Chaos. Covid-19 nimmt uns den Raum, der langsam und bedacht gereift ist, verflüchtigt, wie Seifenblasen im Wind.

Doch wie frei und wie eingesperrt dürfen wir uns fühlen? Wie viel Spielraum erlauben wir unseren Gedanken, ohne, dass wir der Selbstgeißelung verfallen?

Unsere Generation weiß über die Geschichte Bescheid, über den Holocaust und die schrecklichen Einschnitte unserer Vorfahren. Wenige Zeitzeugen sind noch am Leben und ihre Berichte lassen Zuhörende in Demut zurück. Im Hinblick dessen sind wir wahrhaft frei.

Wir dürfen unsere Flügel ausbreiten, uns weiterbilden. Wir treffen Entscheidungen, wir halten inne, um uns dem Müßiggang hinzugeben, damit wir dann mit neuer Schaffenskraft Entschleunigendes zeugen.

Frauen gegen Männer. Männer gegen Frauen. Das Thema will und will nicht aufhören. Wer will nicht damit aufhören? „Wir Frauen“ müssen kämpfen, obwohl wir müde sind. Ziele dürfen, ja, sie sollen sogar verschieden sein. Oft ist es nicht einmal das Ziel, das zählt. Es sind die Stolpersteine, über die wir fallen. Wie wir damit umgehen und wie wir daran wachsen.

Ich will nicht mehr. Kämpfen. Mich behaupten. Ich möchte im Einklang sein, im inspirierenden Austausch. Manchmal scheinen Welten, gar Galaxien dazwischen, doch es kann vorkommen, dass die Frequenz des Senders und Empfängers dieselbe ist und dann geschehen Wunder.

Einander begegnen. Leidenschaft leben. Neu denken.

“Einfaches” darf die Freiheit schenken. Durch den Wald rennen und den Puls in die Höhe treiben. Lesen. Schreiben. Worte finden. Im Yoga fühle ich Weite und frei darf ich sein, wenn ich in jemandes Arme fliege, ungebremst. Verstanden werden. Echtes Zuhören. Liebe in ihrer reinsten Form. Körperwärme. Sex. Verbundenheit. Musik.

Frei wie die Zugvögel, die in meiner Haut verewigt sind. So fühle ich mich an guten Tagen. In den Süden möchte ich fliegen. Dahin, wo die Sonne wie ein Feuerball im Meer verschwindet und die Unterwasserwelt zum Leuchten bringt.

Und natürlich darf es dort schneien!

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