Begegnungen,  Isa Hörmann

Herbstwind

Mein Liebster,

lehn dich leise, nichts erwartend an mich. Sei bei mir. Ganz nah. Bis Zeit und Raum ohne Bedeutung sind.

Du hast mich geweckt, heut Morgen. Lange bevor mein Träumen ein Ende gefunden hatte.

Habe ich dir erzählt, dass es mich nach der Tiefe sehnt, nach kraftvollen Gezeiten und nach einer noch nie da gewesenen Schwerelosigkeit? Was immer das auch sein möge, davon möchte ich beschützt sein.

Schließe für einen Moment deine Augen und schenke dir Zeit. Bis du die Stille hörst. Diese unfassbar erfüllende Stille …

Seit einigen Tagen spüre ich dich. Du stürmst in mir. Um mich. Mit mir. Trägst goldene Blätter zu Wasser. Du komponierst deine eigene Symphonie und eroberst mühelos meine Festung, bringst meine Mauer zum Schwanken und lässt mich meinen Schwindel spüren, wenn das Herbstlaub in kleinen Orkanen über mich hinwegfegt.

Ich beobachte Schattenspiele in gebrochenem Licht. Allmählich geht der Sommer zu Ende. Du nimmst ihm den Raum. Sanft. Bestimmt, doch ohne zu verlangen. Scheu bist du. Und vorsichtig. Dennoch trägst du eine Kraft in dir, dessen du dir vollends bewusst bist.

Herbstwind, du nimmst von Tag zu Tag zu. Du bringst alles in Bewegung und ich fürchte mich davor. Das Leben fliegt an mir vorüber. Wie Zugvögel, die voller Freude auf den Süden sind. Meine Ängste galoppieren einstweilen wie Pferde über eine endlose Weide. Majestätisch und beladen mit Energie. Sie bäumen sich auf und möchten gebändigt werden, indem ich sie liebevoll umarme. Ich glaube, es ist an der Zeit, sie endlich ziehen zu lassen.

Erlaube uns, in einer neuen Sprache zu sprechen. Ineinander verschlungen. In Klängen aus Kristall. Wortlos. Alles sagend und nichts nehmend.

Bitte bleib, bevor du gehst. Ein bisschen noch, denn es tut so gut, deine spätsommerliche Brise in meinem Haar zu spüren. Und deine wohltuende Wärme. Sie ruht lange nach. Gibt mir Hoffnung und lässt mich atmen.

Möchtest du wissen, wer ich wirklich bin? Willst du es tatsächlich wissen? Vielleicht verrate ich es dir, wenn die Zeit danach verlangt. Wenn du dazu bereit bist, eine unsichtbare, gläserne Pforte mit Farbe zu bepinseln. Diesen Einlass zu streichen, in den Nuancen des Dazwischens.

Zu gerne würde ich mich vom Gesang des Laubes in den Schlaf wiegen lassen und zugedeckt werden, vom Duft der gefärbten Blätter.

Behutsam ziehst du ein. Eine neue Jahreszeit. So schön. So verlockend und farbenfroh. Ich will dich in mich aufnehmen. Dich inhalieren und genießen.

Und wäre morgen mein letzter Tag, so würde ich mich heute fragen: Habe ich wahrhaftig gelebt?

Ergreife mich, Herbstwind. Und umfasse mich fest.

In Liebe
dein Sommer

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