Isa Hörmann,  Poesie

Ich ruf zu dir

Ich bin wie Seide in deinem Nacken. Der Hauch meines Atems lässt dich meine Präsenz spüren, die wie Kondenswasser den Spiegel deines Badezimmers benetzt. Klar wie Morgentau lasse ich mich, gleich Spinnweben über den Waldboden, zart auf den Härchen deiner Arme nieder. Und mit der Stille einer Schneeflocke gleite ich auf deine Haut, bedecke dich mehr und mehr. Du kannst mich weder sehen noch anfassen, doch ich berühre dich auch jenseits deiner Gedanken.

Ich bin das Feuer, dessen Kälte Schneeblumen entstehen lässt und ich bin der Frost, dessen Hitze dein Blut zum Kochen bringt. Wie eine Pause ruhe ich zwischen den Klängen und ich spiele den Ton, wenn die Musik zu Ende ist. Ich bin die Stimme ohne Farbe und die Mitternacht ohne das Blau. Es gibt eine Kluft zwischen Himmel und Fegefeuer, dorthin werden wir gehen, noch aber nicht.

Ich bin die Melancholie deiner Träume und takte die Euphorie deiner Sehnsüchte. Auf den einen Moment warte ich, wie der Riss in der Eisdecke eines gefrorenen Sees auf die Schwere. Geduldig. Leise. Der Gewissheit nahe.

Ich bin die Feder eines Adlers, die ziellos auf der Wasseroberfläche umhertreibt. Neben mir schwimmt das Leben rückwärts. Der Fluss deines Geistes wird zum Ozean deines Willens und die Wellen brechen im Bann der Gezeiten. Es knackt. Nichts rührt sich mehr, denn meine Rolle ist das Sandkorn in deinem Uhrwerk, die unsichtbare Gravur deiner Seele, die Sprache, die ohne Worte ist. Wir müssen sie erst finden, diese Worte, ihnen einen Namen geben, sie erschaffen, wenn der Tag in die Finsternis übergeht. Bis dahin aber, hab Geduld! In der Zwischenzeit wache ich wie eine Löwin über dir, samtpfötig, lasse dich nicht aus den Augen und kämpfe friedvoll um dich.

Ich bin die Quelle eines Ursprungs, der Beginn deiner Geschichte, die Kraft unserer Schwäche. Meine Hände, wie die Flügel des Pegasus möchten sie dich tragen. Weit, ganz weit fliegen sie dich in ein Land am Ende der Welt. Wo das ist, fragst du? Dort ist es ruhig, das darf ich dir schon sagen. Dort ist es gut. Dort schmeckt das Dunkel wie Licht. Es ist ein Zuhause für dich und mich. Ein Palast ohne Grenzen.

Wir haben uns kennengelernt, als ich vor dir davongerannt bin. Schnell wie der Wind bin ich gelaufen, damals, doch noch nie war es so ruhig in mir. Wir mögen uns. Achten uns. Suchen uns. Wie Gedichte auf Papyrus, die man gegen die Sonne hält, entschlüsselnd, so tasten wir uns einander näher.

Du willst mich festhalten, manchmal, ohne zu halten, mich zurückholen und womöglich auch loslassen. Doch noch ist es zu früh.

Trotz der winterlichen Kälte segelt eine Libelle flach über der funkelnden Schneedecke. Von Leichtigkeit wird sie getragen, obwohl sie dich fürchtet. Es wird jeden Tag heller, sagst du und ich sage dir, dein Licht ist strahlender als die Sonne.

Eines Nachts komme ich dich holen. Mit wachen Sinnen. Lautlos. Vorsichtig. Erfüllt von Freude. Ich werde dich umarmen, dich nie wieder loslassen. Und für immer werden wir unendlich sein.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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