Begegnungen,  Isa Hörmann

Kaschmir

Meine erste Uhr habe ich im Alter von vier Jahren von meiner Taufpatin bekommen. Ich erinnere mich gut an das besondere Stück. Diese Armbanduhr war mein ganzer Stolz. Ein weinrotes, zierliches Lederarmband, es umschloss mein Handgelenk. Auf dem weißen Ziffernblatt war eine Seiltänzerin abgebildet. Sie balancierte scheinbar schwerelos, trug einen Dutt und einzelne Haarsträhnen umschmeichelten ihr Gesicht. Nie habe ich eine zartere schwarze Linie gezeichnet gesehen als dieses Seil – gespannt unter fünf Tagen, drei Stunden, zwei Minuten, dreizehn Sekunden.

Heute trage ich keine Uhr mehr. Ein Drahtseilakt. Er nennt sich Leben. Ein kleiner Windstoß nur, feinste Nuancen reichen, um das Gleichgewicht irrational erscheinen zu lassen. Die Zeit und ich, wir haben einen Pakt geschlossen. Manchmal möchte ich sie anhalten, für einen einzigen Augenblick, und das geht nun einmal nicht mit Gewicht an den Armen.

Vor ein paar Jahren streifte meine Hand einen Schal aus feinster Kaschmirwolle. Im Vorbeigehen hatte er mich angezogen. Ich glaube, er hatte mich gefunden. Etwas zu früh war ich in der Stadt gewesen, musste noch eine halbe Stunde auf meine Freundin warten.

Warten sei geschenkte Zeit, das habe ich einmal gelesen.

Ein gerahmtes Bild im Wartezimmer einer Arztpraxis. Immer wieder befruchtet dieser Satz meine Sinne. Wie könnte ich geschenkte Zeit definieren? Ist es das Warten an sich, oder sind es die verstreichenden Minuten, das, was ich tue, bis ich ans Ziel komme? Über das Ziel mag ich aber gar nicht nachdenken. Es trägt keine Relevanz.

Sanft.

Als ich diesen Kaschmirschal zum ersten Mal berührte, war es, als hätte ich in eine Wolke gefasst. Ein Sprühnebel an Watte, nur leichter, feingliedriger. Zartgrau, unendlich weich fühlte er sich an, wie ein Teppich aus goldenem Garn. Ich ließ meine Finger über die Wolle gleiten. Langsam und bedacht.

Berührung.

Eine Reise in neue Dimensionen. Und als ich ihn um meinen Hals legte, verspürte ich den Drang, mich darin vollends einhüllen zu wollen. Im Kaschmir beschützt zu sein, wie in einem Kokon. Nie werde ich dieses Gefühl auf meiner Haut vergessen. Es war magisch und der Schal wurde mein. Es konnte nicht anders sein, denn er war für mich bestimmt.

Haut.

Bunte Blätter. Farben. Gespiegelt in Bergseen. Bald hält die Kälte Einzug und ich kann es kaum erwarten, ihm neues Leben zu schenken, ihm dankbar zu sein. Und den Kaschmirziegen, die ihre kostbare Wolle für mich gegeben haben. Dafür, dass sie mir Wärme schenken.

Fühlen.

Ich freue mich auf dieses Gefühl. Kein Sturm wird mich – darin eingehüllt – umhauen. Kein Winter. Kein Herbst. Kein Sommer. Kein Frühling.

Heute wurde ein lang gehegter Traum wahr. Ein Welpe, elf Wochen alt. Felix ist sein Name. Mein Glücksbote. Er hat jetzt ein neues Zuhause. Felix schläft friedlich. Sein Haar … kaschmirgleich.

Er tut mir gut. Schon jetzt. Und für immer.

Ich bin verliebt.

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