Isa Hörmann Autorin Österreich
Begegnungen,  Isa Hörmann

Kleines großes Herz

Eine Ehrfurcht vor dem Leben ergreift mich. Dieser Moment schmerzt. So vollkommen. So rein. So schön kann ein Augenblick sein.

Mein Neffe schläft friedlich auf meiner Brust. Er ist erst ein paar Tage alt. Ich halte ein Wunder in meinen Armen. Behutsam lege ich eine Decke um seinen Körper und bestaune seine makellosen Hände. Unsere beiden Herzen sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ich spüre ein zartes Klopfen. Bin berührt. Mein Atem sucht den seinen. Wir finden unseren Rhythmus und ich schließe meine Augen.

Manchmal verliere ich die Zeit und Erinnerungen glitzern in Bildern hervor. Die Geburten meiner Töchter. Ein erstes Mal Haut an Haut. Dieses Staunen. Diese Sprachlosigkeit. Dieses Glück. Wie schnell die Jahre verfliegen. Zu schnell, denn ich möchte sie festhalten und doch fühle ich, wie sich ihre Flügel von Tag zu Tag weiten.

Ich denke an besondere Momente. Wie sehr ich es liebe, meine Mädchen im Schlaf zu beobachten.

Kein Anblick hat mich jemals mehr berührt.

Ihre Gesichtszüge, ihre Mimik, ihr Träumen, ihren Atem. Ihr unverwechselbarer Geruch. Jene Stunden erhellen die nächtliche Stille mit Farben. Sie mögen kein Ende finden und für immer währen.

Empfinde ich Dankbarkeit, schleicht sich oftmals eine Art Befangenheit in mein Denken.

Warum geht es gerade mir und meiner Familie gut? Warum durfte ich eine friedliche Kindheit erleben und so viele andere nicht?

Ich beobachte und spüre Gedanken, die von Worten nicht geformt werden. Sehe Persönlichkeiten, von ihren Geschichten und Erlebnissen geprägt. Liebende. Suchende. Verzweifelte. Glückliche. Trauernde.

Wie wird ein Mensch zu dem, was er ist?

Ein Neugeborenes ist auf die Zuwendung und Liebe seiner Eltern, oder Personen seines nahen Umfelds angewiesen. Leider dürfen nicht alle Kinder Geborgenheit erfahren und können mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Die Realität zeigt viele zerrüttete Familien aller sozialen Schichten und Kulturen. Mädchen und Jungen, die geschlagen, missbraucht oder verachtet werden. Kinder, die krank sind oder Hunger leiden müssen. Zerbrochene kleine Seelen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein Zuhause – erfüllt von Lachen, Wärme und einer Hand voll Möglichkeiten.

Die Stärke vieler Kinder schenkt Hoffnung. Manche schaffen es, aus ihren Gefängnissen auszubrechen und versuchen, vorgelebte Muster nicht anzunehmen. Sie gehen neue Wege und das ist wundervoll.

Doch viele schaffen diesen Absprung nicht.

Was geschieht mit jenen Kindern, denen ihre Chance auf ein glückliches Leben vorenthalten wurde?

Jedes Kind hat ein Recht auf Liebe. Es sollte ärztlich versorgt sein, ein Zuhause und einen Zugang zur Bildung haben. Selbst die Kleinsten haben eine Stimme und wir Erwachsenen sollten diese wahrnehmen.

Ein Mensch allein kann nicht die ganze Welt retten, doch wir können gemeinsam genauer hinsehen. Ermutigen. Aufklären. Füreinander da sein und Hilfe anbieten.

In Dankbarkeit und Demut.

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