Isa Hörmann

Kuss aus Glas

Heute bin ich gläsern. Wie Wasser in silbernen Tönen flossen diese Worte aus mir heraus. Sie fanden ihr Zuhause in einem unsichtbaren Land. Buchstaben, die sich wie Lava in deine Vorstellungskraft brannten.

G. L. Ä. S. E. R. N.

Du batest mich um eine Beschreibung. Wohl hast du dich gefragt, ob ich fragil sei, wie eins der tausend Gläser, die mir bereits entglitten und zu Bruch gegangen sind. Manchmal bin ich das, zerbrechlich, ja, aber nicht heute. Ich sammle die Splitter ein, setze sie zusammen, nur anders, kreiere ein neues Bild, das geleitet meiner Gedanken ist. Scherben sollen über einen Verlust hinwegtrösten, so heißt es, und das Glas stünde für Glück, so heißt es auch. Wäre Glück aus Glas, würden wir es dann besser behüten, wundere ich mich?

Noch bevor es geschieht spüre ich das Zerspringen, dennoch, es gelingt mir nicht, den Fall aufzuhalten. Die Schwerkraft ist mächtiger als mein Geschick, sinnlos, gegen sie anzukämpfen. Wenn ich das Glas nicht zerschlage, dann geschieht es meinem Gegenüber, ausgelöst durch die Begegnung unserer Blicke, während ein Glas Weißwein seinen Weg von einer fremden Hand in meine sucht.

Gläserne Augen. Sie offenbaren im Spiegel des Wassers die Tiefe der Seele. Gläsernes Fühlen. Es berührt Menschen und Dinge, empfindsam, beinahe so, als seien sie aus Sternenstaub. Gläserne Gedanken. Sie hinterlassen ihre Spuren im Nachthimmel, dieser an Vollkommenheit nicht zu übertreffen ist.

Wie nehmen wir das Glas wahr?

Es ist allgegenwärtig. Täglich schauen wir durch unsichtbare Wände, auch Fenster genannt. Wir stehen entweder vor oder hinter dem Glas. Wir führen Gläser zu unseren Mündern, um den Durst zu stillen und einem Bedürfnis nachzugeben. Glas beschützt uns vor Witterungen, nicht aber vor dem Licht, das unser Sein erhellt. Glas ist zerbrechlich und stark, es ist pur und wunderschön, in all seinen Facetten. Die erste Berührung, kühl, doch nach wenigen Augenblicken schon entwickelt sich eine Wärme, die nur entstehen kann, wenn Eis und Feuer aufeinander treffen. Gläsern klingen die Töne vom Schiff der Träume bis hin zu mir, leise, in schlaflosen Nächten. Glas kann gefährlich sein, es schneidet, entzweit, wir entscheiden, was es für uns ist und wie wir damit umgehen.

Gläserne Schönheit findet sich in der Kunst Venedigs, in seinen Geheimnissen, in seiner Pracht. Vor wenigen Tagen lief ich barfuß über den Piazza San Marco. Ich war auf der Suche nach einem Glassplitter, so, wie ich es Henry und Lola versprochen hatte. Er möge mir zeigen, wie sehr ich noch lebe, schrieb ich damals. Kein Splitter fand seinen Weg in meine Fußsohle, dafür aber der gläserne Regen, der sich beschützend über meine Haut legte.

Wie geht es dir, hattest du mich gefragt. Nun hauche ich meine Antwort auf das Glas, bevor meine Lippen es berühren. Ich fülle es auf, mit Liebe, Zuversicht und ewig währender Hingabe.

Küsse aus Glas sind riskant, wenn du dich vor Wundern fürchtest.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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