Begegnungen,  Isa Hörmann

Lass‘ mich beweinen

Ein letztes Mal den Sommer atmen, bevor ich mich im Herbst verliere. Sanft schaukelnd, getragen von zwei mächtigen Fichten. Beschützt verweile ich in meiner Hängematte. Die Mädchen schlagen Räder am Seeufer. Sie haben die Zeit verloren, sind losgelöst und vergnügt.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages bescheinen den See in wärmstem Licht. Herbstlich golden die Stimmung. Gefärbte Blätter fliegen in Kreisen an mir vorbei. Ich fühle Händel – Lasica ch’io pianga – bin gedankenverloren und blicke zum Steg.

Am Ende des Steges sitzen zwei Männer. Ihre Füße baumeln knapp oberhalb der Wasseroberfläche. Auf den ersten Blick wirken sie vertraut. Wie zwei langjährige Freunde, die sich darüber freuen, sich endlich einmal wieder zu sehen.

Sie möchten bleiben.

Zwei Gläser und eine Flasche Rotwein haben sie mitgebracht. Ich störe nicht, beobachte sie wohlwollend. Sie sind mein Schauspiel zu dieser spätsommerlichen Stunde.

Der Körper lügt nicht, habe ich einmal gelesen. Er sendet Signale aus, spricht seine eigene Sprache. Ohne Worte und dennoch eindeutig. Manchmal stürmt er, oder er bebt und lässt Hitze wie kalte Schauer über die Haut reisen.

Die beiden Männer sind voneinander angezogen. Es ist eindeutig. Die Art und Weise, wie sie sich begegnen. Lächelnd. Etwas schüchtern, doch unmissverständlich mögend. Der Jüngere fährt sich in Verlegenheit durchs Haar, bevor er seinen Blick langsam senkt. Der Ältere der beiden rückt seine Brille zurecht. Immer und immer wieder.

Allmählich verschwindet die Sonne hinter den Bäumen. Es ist leise und die Männer schauen aufs Wasser hinaus. Sie schweigen gemeinsam und deren Hände berühren sich gerade nicht. Nur ein Ahornblatt – leuchtend rot – würde Platz finden zwischen ihren, sich annähernden Fingern. Der Ahorn, Baum der Freiheit. So prächtig und stark.Lascia ch’io pianga

Lascia ch’io pianga

mia cruda sorte,

e che sospiri

la libertà.

Werden die beiden jemals den Mut aufbringen, einander zu gestehen? Werden sie sich eines Tages berühren können? Hand in Hand an einem Steg sitzen und ihre Füße dabei ins Wasser hängen lassen? Unbeschwert und frei einander auffangen?

Ich höre einen Ruf. Der Jüngere blickt sich um. Seine Partnerin, nein zwei Frauen stehen vor einem Wohnwagen. Sie haben gekocht, winken ihre Männer zu sich. Die beiden zucken mit den Schultern.

Vorbei der Zauber.

Traurig stehen sie auf, nehmen ihre Gläser und kehren in ihren Alltag zurück.

Etwas wehmütig beschließe ich noch ein paar Schritte zu gehen. Ich möchte zu den Seerosen. Am Vortag hatte ich sie entdeckt. Hunderte herzförmige Blätter, doch keine einzige Seerose ragt mehr aus dem Wasser hervor. Wo sind sie hin? Ist es schon so spät, der Sommer zu fern?

Ich stelle mir vor, barfuß über die Blätter zu laufen. Tapsend. Sie kaum berührend, bevor ich in das sumpfige Gewässer tauche und wie eine Seejungfrau nach den verlorenen Rosen suche.

Lascia ch’io pianga.

2 Kommentare

  • Silvia Wöß

    Ich mag jede deiner Geschichten liebe Isabel!
    Sie sind so herrlich zu lesen. Es war mir ein großes Vergnügen, jetzt am Feierabend in deine Geschichten einzutauchen!
    Was für eine Begabung! Ich freue mich für dich!

    Danke 😊

    Silvia🍀🌸

    • isahoermann

      Liebe Silvia,

      vielen herzlichen Dank für deine Worte und für deine Wertschätzung, die mich mit Freude erfüllt. Es freut mich sehr, dass ich dir durch meine Texte und Gedanken literarisches Vergnügen schenken durfte.

      Ein herbstlicher Gruß
      Isa

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