Isa Hörmann Autorin Österreich
Henry und Lola
Dünnes Glas,  Isa Hörmann

Leseprobe "Dünnes Glas" Kapitel 1

Henry hatte die letzten Sonntage mit Farbe bemalt. Geschaffen war er nicht für die Natur, doch er machte sich auf die Suche nach einem Ort, von dem er sich etwas nicht Fassbares, aber Tröstendes erwartete.

Sein Selbstmitleid hatte es sich nach der langen Zeit verdient, an den Wochenenden ausgeführt zu werden. Henry wollte seine Freizeit an der frischen Luft verbringen, so wie andere Menschen es auch tun. Ein Kokon im Grünen sollte es werden. Den Innsbrucker Hofgarten, vor allem dessen entlegenste Winkel zu erkunden, das reichte ihm für den Anfang. Scheu war er und müde von den Menschen, so verließ Henry den Kiesweg und schob die Äste eines Strauchs beiseite, dessen Namen er nicht kannte.

Endlich war es soweit. Sie ruhte vor ihm. Seine Parkbank, gelegen unter einer mächtigen alten Linde, als wäre sie genau dort platziert geworden, um einsame Männerherzen noch einsamer werden zu lassen. Hier verbrachte Henry an jenem Tag einige Stunden vor einem nahezu leeren Blatt Papier.

Er ärgerte sich über einen Mückenstich und kratzte sich am Oberarm. Es hatte sich bereits eine Beule gebildet, die gerötet und hässlich anzusehen war.

In diesem Augenblick trug der Wind einen Zitronenfalter herbei, der sich unbefangen auf Henrys linkem Knie niederließ. Das Insekt öffnete und schloss seine Flügel im gleichbleibenden Rhythmus.

„Sie schreiben in ein Buch.“

Henry erschrak und schluckte seinen Aufschrei herunter, indem er die linke Hand auf seinen Mund presste. Der Schmetterling flatterte davon und eine junge Frau stand vor ihm. Sie beäugelte ihn, war ihm unangenehm nah.

„Was schreiben Sie denn da?“

Henry richtete sich auf. Er runzelte die Stirn und sah sich um. Niemand da außer ihm und dem barfüßigen Gör. Es konnte sich nur um einen Irrtum handeln.

Der Zitronenfalter kehrte zurück und schien das Schlüsselbein des Mädchens liebkosen zu wollen, als würde er das Muttermal, das sich darauf befand, mit einer Margerite verwechseln.

„Hab ich schon lange nicht mehr gesehen.“

Mit dem nächsten Windstoß ließ sich der Falter erneut in die Luft tragen. Diesmal für immer.

„Was hast du schon lange nicht mehr gesehen?“

„Dass jemand in ein Notizbuch schreibt.“

Die spinnt doch. Irritiert wetzten Henrys Fingernägel über den Stich.

„Versuchen Sie es mit einer aufgeschnittenen Zwiebel.“

„Hä?“

„Ich beobachte Sie schon eine Weile. Hab gesehen, wie Sie eine Mücke zerschlagen haben. Die Zwiebel zieht das Gift aus Ihrer Haut.“

„Was du nicht sagst. Hast du nichts Besseres zu tun?“

„Eigentlich nicht.“

„Was willst du von mir?“

„Sind Sie mit allen Menschen per Du, die Sie nicht kennen?“

„Wenn es dir nicht passt, kannst du dir gerne einen anderen Gesprächspartner suchen.“

Demonstrativ schloss Henry sein Buch. Er fühlte sich überrumpelt. Die Kuppe seines Zeigefingers suchte unaufhörlich nach einer Kerbe, die entstand, als er einmal aus Versehen mit dem Stemmeisen abgerutscht war. Es beruhigte ihn, das Leder abzutasten.

Henry atmete ein und rang nach Worten. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Seine melancholische Atmosphäre wurde mit einem Schlag ruiniert. Monatelang hatte sich Henry darin eingenistet. Er wollte nur seine Ruhe haben, und jetzt dieses Mädchen.

Sie war klein, höchstens 1,60. Und sie trug keine Schuhe. Eine grau ausgewaschene Jeans und ein weißes Top umhüllten ihren dürren Körper. Schwarz lackierte Zehennägel zeichneten Kreise in die Erde und auf ihren Risten bildeten blau schimmernde Adern kleine Gebirgsketten.

So unauffällig wie möglich studierte er ihr Gesicht. Eine etwa fünf Zentimeter lange Narbe zog sich über ihren rechten Wangenknochen. Hellblau gesprenkelte Augen, ihre Brauen dicht und natürlich, der Blick provokant. Rubinrote Lippen grinsten Henry an. Bis auf ihren Mund war das Gesichtchen ungeschminkt. Er musste sich dazu zwingen, nicht länger hinzustarren. Ein maskuliner Kurzhaarschnitt verstärkte Henrys Verwunderung über ihr Äußeres.

„Sie sehen aus, als ob Sie etwas Gesellschaft nötig hätten.“

„Du täuschst dich gewaltig.“

„Was ist das für ein Buch? Sieht edel aus.“

„Geht dich nichts an.“

„Und wenn ich behaupte, schon bald Teil Ihres Lebens zu sein – geht es mich dann auch nichts an?“

„Spinnst du?!“

„Wie heißen Sie?“

Henry wurde wütend, denn er fühlte sich in die Enge getrieben. Es brodelte in ihm.

„Lass mich in Ruhe!“

Nichts dergleichen, sie sprach ruhig weiter. Eine Stimme aus Samt. Sie war warm, klang reifer als ihr Antlitz.

„Sie sitzen seit zwei Stunden auf dieser Parkbank, in einer ruhigen Ecke mit dürftigem Ausblick. Es gibt schönere Plätze hier. Man könnte glauben, Sie …“

„Wie es aussieht, nicht versteckt genug!“

Und dann herrschte Stille. Schleichend wurden die beiden von Neugierde ergriffen. Es war unvermeidbar. Beide spürten es, Henry gab sich dennoch kühl.

Dem Mädchen schien seine ruppige Art nichts auszumachen.

„Seit Sie hier sind, schauen Sie entweder in ihr Notizbuch, in das Sie aber nichts hineinschreiben – wenn wir über die paar Kritzeleien hinwegsehen – oder Sie starren ins Nichts. Ich liege indessen nur wenige Meter entfernt auf der Wiese und versuche vergebens, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sind Sie schwul?“

„Was erlaubst du dir?“

Sie genoss ihre Provokation, ihren Triumph, seinen Zorn zu schüren.

„Hast du keine Freunde, mit denen du dir die Zeit vertreiben kannst?“

„Ich bin lieber hier und beobachte Sie, wie Sie dasitzen und mit sich hadern. Frisch geschieden, stimmt´s? Ach ja, ich bleibe so lange, bis Sie mir Ihren Namen verraten haben. Davon abgesehen interessiert es mich brennend, was Sie da aufschreiben.“

Henry wusste, dass er keine Chance hatte, sich ihr zu entziehen. Würde er dem Mädchen nicht geben, was es von ihm einforderte, so könnte die Situation unangenehm werden. Diese Marotte kannte er von seiner Tochter.

„Na gut, meinetwegen. Ich bin Henry und ich schreibe eine Liste. Wären Sie jetzt so freundlich und würden sich aus meinem Bereich zurückziehen? Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar. Zufrieden?“

„Aha, es geht also doch! Geben Sie mir erst das Buch und Ihre … Füllfeder! Wer schreibt denn heute noch mit sowas?!“

Trotzig drehte sich Henry von ihr weg; er verstärkte den Griff um seinen Füller, als würde er sich daran festhalten wollen.

„Ich denke nicht daran!“

„Her damit. Danach verschwinde ich. Versprochen.“

„Das gibt´s doch nicht! Schon mal was von Privatsphäre gehört?“

Es war lange her, seit er von jemandem angelächelt worden war. Henry war entschlossen, ihrem Blick standzuhalten, resignierte aber doch. Er sah keinen anderen Ausweg, um sich Raum zur Flucht zu verschaffen, so reichte er ihr das Buch. Mit gespielter Langeweile blätterte sie es durch und roch am Papier. Ihre Augen waren dabei geschlossen. Anmutig ergriff sie den Federhalter, befüllte eine Seite mit Tinte und gab Henry das Notizbuch wieder zurück. Dabei strich sie mit ihren Fingern über seinen Handrücken. Sie stand auf und verschwand grußlos zwischen den Bäumen. Zurück blieb nur der Duft ihres Parfums. Ein Herrenduft.

Henry sah sie davonschweben, leichtfüßig wie eine Elfe. Dieser Augenblick fütterte sein Gedankengut, das sich längst nach Nahrung zehrte.

Nervös schlug Henry das Buch auf und entdeckte sanfte, schwungvolle Bögen in Schwarz, ein Buchstabenmeer an Symmetrie. Ihr Schriftbild hatte etwas Hypnotisierendes an sich, beinahe wie ein Mandala.

 

Henry,

wir treffen uns hier wieder. Genau in einem Monat, am ersten Sonntag im September. Ich werde mich auf Ihren Schoß setzen und Ihnen in die Augen sehen. Und während ich meine Hände in Ihrem Haar vergrabe, stecke ich Ihnen meine Zunge in den Mund. Enttäuschen Sie mich nicht.

Lola

PS: Bringen Sie das Buch für den nächsten Eintrag mit.

 

Ohnmächtig las sich Henry ihre Zeilen mehrere Male durch. Er blieb noch eine Weile sitzen und konnte nicht glauben, was ihm gerade geschehen war.

Ihr Name war also Lola. Eine seltsame Frau, fast noch ein Mädchen. Er war fassungslos. Sie hatte nichts bei sich. Keine Tasche, kein Handy, kein Buch. Einfach nichts. Plötzlich fielen ihm ihre dreckigen Füße ein, denn er mochte Frauenfüße. Überdies hinaus fragte er sich, wer schon ohne Schuhe durch die Gegend stapfte.

Lolas linker Arm war mit Tätowierungen bedeckt. Durch seine Arbeit war Henry es gewohnt, sich Details einzuprägen. Verschiedenste, auf den ersten Blick nicht zusammengehörende Symbole, die trotzdem ein harmonisches Ganzes ergaben. Er befürchtete, dass ihn einige der filigran gestochenen Tattoos durch seine Träume jagen würden. Und überhaupt hatte er von den Frauen genug. Verdammt! Sie hatte auch noch recht. Das ärgerte ihn am meisten.

Auf dem Heimweg setzte Henry bewusst einen Fuß vor den anderen. Er tat sich schwer, die Balance zu halten, denn alles drehte sich.

Lolas Flut an Anziehung hatte ihn mitgenommen, doch altbekannte Schuldgefühle schlichen sich in seine Utopie. Gewissensbisse, die Henry seit Jahren wie ein Wolfsrudel umkreisten. Er hatte sich daran gewöhnt. Er, der ewige Sündenbock, ein Opfer seines Nichtgelebten.

Henrys Familie machte ihn für alles verantwortlich, was schiefgelaufen war. Zu viele Konflikte waren im Keim erstickt worden, bis auch die letzten wortarmen Diskussionen in den Rissen ihrer familiären Wüste versickert waren.

Er hatte versagt, sowohl als Ehemann wie auch als Vater. Was irgendjemand über ihn dachte, war ihm wertlos.

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