Begegnungen,  Isa Hörmann

Liebe

Es ist Herbst. Sanft warm und mehr als ein Hauch des Sommers ist zwischen den Häuserschluchten zu spüren. Meine verträumte Seele tänzelt durch Verona. Halb geschlossen meine Augen. Verzaubert bin ich von dieser wunderbaren Stadt, von dem historischen Zentrum, von den einzigartigen Gerüchen, die in den Lichtern sichtbar scheinen.

Wie so oft sind wir abseits der Touristenpfade unterwegs. Geliebte Umwege, die meist die schönsten Überraschungen zutage bringen. Meine Freundinnen gehen zielstrebig voraus. So ist es immer. Sie sind wie Google Maps in menschlicher Gestalt. Ich kann mich auf sie verlassen, während ich um mich schaue. Diese paar Meter, die ich dahinter, dazwischen, danach gehe, bevor ich aufschließe, sie sind mein Spielraum. Mein Stillstehen der Zeit, zum Staunen gewollt.

Plötzlich gleitet ein Ginkgoblatt vor meinem Gesicht zu Boden. Langsam. Von einer spätsommerlichen Brise wir es immer wieder ein Stückchen nach oben getragen. Es ist golden gefärbt, und im Schein der Sonne glänzt es samten. Wie ein Schmetterling fliegt es mir zu, als wolle mir das Blatt einen Hinweis geben. Leise flüstert es: „Nimm mich auf in deine Hand und schau, woher ich komme.“ Es landet lautlos vor meinen Füßen. Neugierig bücke ich mich, hebe das Blatt auf. Neben mir entdecke ich diesen mächtigen, viele hundert Jahre alten Baum. Er trägt ein sattstrahlend schönes Blätterkleid, wundervoll geformt, wie kleine aufgefächerte Flügel an einem zarten Stämmlein. Sie sehnen das Morgentau des nächsten Tages herbei. Ich spüre deren Durst und in Gedanken zeichne ich das Ginkgoblatt bereits in zarten Bleistiftstrichen in mein Notizbuch.

„Isabel, kommst du?“

Ich wache auf und tapse hinterher.

Mit dem Blatt in meiner Hand erreichen wir wenige Minuten später das Casa di Romeo. Unscheinbar, ein dunkles Zuhause. Nur wenige Menschen sind dort und die Stimmung ist beschaulich. Ich Blicke hinauf zu den Zinnen. Berühre das schwere Holztor und denke an Shakespeares prägendes Liebespaar “Romeo und Julia“.

Ich will diese Kraft verstehen. Möchte sie erkunden und sie lernen, zu leben.

Liebe. Wie ein Pflänzchen so zart im Entstehen. Liebe. Das größte aller Geheimnisse. Liebe. Ein Herz, getragen von Händen, die sich zu einer Schale formen. Liebe. Seelen die sich finden, einander für immer umarmend. Liebe. Wie spüren. Liebe. Die bedingungslos ist. Liebe. Die versteht. Liebe. Die berührt. Liebe. Die akzeptiert. Liebe. Die loslässt. Liebe. Die gibt. Liebe. Die ohne Worte ist. Liebe. Wohlschmerzend und erfüllend. Liebe. Sich im anderen erkennend. Liebe. Die pur ist. Liebe. Die trägt. Liebe. Die auf allen Ebenen erreicht. Liebe. Die in Klängen spürbar ist. Liebe. Die begehrt. Liebe. Die dankbar ist. Liebe. Die wärmt. Liebe. Die Geborgenheit schenkt. Liebe. Findend, in kleinen Gesten. Liebe. Die leise ist. Liebe. Die verbindet.

Liebe. Die friedvoll ist. Liebe. Wie Verona. Liebe. Wie Venedig. Liebe. Wie Triest …

Liebe. Wie Wien.

LIEBE! Wir brauchen dich.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.