Begegnungen,  Isa Hörmann,  Poesie

Menuett

Zwei Seile hängen in einem Raum. Hinunter, von der Decke. Dieser Raum ist weiß. Nie habe ich eine Nacht gesehen, die weißlich ist. Das Licht gedämpft, sanft getaucht in Kerzenschein. Eine Mandola und ein Cello warten auf ihren Moment. Es ist die Stille vor dem ersten Ton. Das Einatmen vor dem Auftakt. Diese Magie. Wie zwei Augenpaare, die ineinander versinken, zwei Gesichter, die sich näher und näher kommen, zwei Münder, die bereit sind, einander zu erkunden. Zwei, die sich berühren, die wissen, dass in wenigen Augenblicken ein Wunder geschehen wird. Zwei. Es sind immer zwei.

Zwei Rahmen hängen an den Seilen. Mitten im Raum. Hinunter, von der Decke. Bilderrahmen sind es, doch sie beinhalten kein Gemälde. Diese Rahmen eröffnen eine Kulisse. Sie geben ihre Verantwortung ab, an Bartolomey und Bittmann, so der Name zweier außergewöhnlicher Musiker. Sie sitzen da, erfüllt, und der leichtfüßige Klang ihrer Pizzikati raubt mir den Schlaf, mir, einer Traumwächterin.

Töne die neugierig sind, sie spielen ihr Menuett. Die Bilderrahmen beginnen sich zu drehen, sie verschmelzen miteinander, doch ohne sich zu verflechten. Seile werden zu Impulsen und staunend möchte ich hindurchfassen, jene Bilder greifen, die vor mir erscheinen. Doch die Rahmen drehen sich weiter, sie hören einfach nicht auf, wie Bewegungen in der Natur, wie Zyklen, die vorgegeben sind.

Ist doch egal, wenn ich nicht schlafe. Nächte, die so leise sind und Klänge, die mich in der Tiefe meiner Seele erreichen, wenn ich Zeit geschenkt bekomme, um meinen Wachgedanken nachzusinnen. Wer würde da noch an Schlaf denken?

Bartolomey und Bittmann, völlig in sich versunken, sie spielen vor einer weißen Kommode. Offene Regale mit herausgezogenen Laden, ein paar aufgestellt, andere umgekippt. Gedanken fern aller Schubladen, inmitten eines Kerzenmeers. Hände. Instrumente. Lichter. Stimmungen. Scharf dargestellt, später verschwommen, wie ein Wechselspiel der Erinnerung, die im Hellerwerden gegen das Verblassen ankämpft. Hatte ich die Leiter erwähnt, die an einer Wand angelehnt ist? Wohin auf ihren Treppen? Hinauf, flüstert eine Stimme, einfach nur hinauf. In einer Welt, in der es kein Ende gibt, wird ein Abschied zum Beginn.

Der Klang des Cellos sei der menschlichen Stimme sehr nahe, warm und voller Farben. Welche Worte würde eine Saite wählen, während der Bogen über sie gleitet und ihr Klang den Raum zum Leben erweckt? Womöglich könnte es eine Sprache der Sehnsucht, der Liebe, des Fühlens sein. Oder die Klangfülle würde, von Hand geführt, in ihr Haar greifen, nur um eine Strähne zärtlich aus ihrem Gesicht zu streichen.

Der Kuss der Zeit geschieht, wenn es leise ist. Behutsam. Gehaucht. Keine Worte sind vonnöten. Der Atemzug davor ist es, der Augenblick zwischen Sonne und Mond, die Stille vor dem ersten Kuss, den es für zwei nur ein einziges Mal im Leben gibt. Dieser Moment ist vollkommen. Und die Rahmen beginnen zu tanzen, unaufhörlich zu tanzen …

@ BartolomeyBittmann – Menuett on youtube
@ Picture by BartolomeyBittmann | zur Verfügung gestellt von Matthias Bartolomey  | Herzlichen Dank dafür 

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Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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