Dünnes Glas,  Isa Hörmann

ODE AN DAS HANDWERK

Da waren zwei Hände. Als ich Henry erschaffen habe, sah ich sie vor mir. Tanzend in meiner Phantasie.

Vernarbt. Mit Schwielen und kleinen Wunden an den Fingerkuppen. Zwei große Männerhände, die etwas zu erzählen haben. Diese Hände gehören einem Handwerker, es sind die Werkzeuge eines Kunstglasers. Sie sind warm und sehnen sich nach einem Gefühl. 

In meinem Roman „Dünnes Glas“ beschäftige ich mich mit vielen Problematiken, doch spiegelt die Geschichte von Henry und Lola auch meine Ehrfurcht wider. Denn ich bewundere Menschen, die sich von großen Konzernen nicht in die Knie zwingen lassen und entschlossen eigene Wege gehen. Ich verneige mich – vor aller Kunst, von Händen und gutem Willen erschaffen.

In der heutigen, oftmals schnelllebigen Zeit werden wir von der Digitalisierung überrollt. Wir sind – auch unfreiwillig – vernetzt und es wird erwartet, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

DISKREPANZ ZEITGEIST

Zu viele Menschen leiden, sind einsam und fühlen sich unter Druck gesetzt. Stress, Depressionen und Erschöpfung sind in den letzten Jahren große Themen geworden. Umso bedeutsamer ist es, zwischendurch inne zu halten, um sich auf das Wesentliche zu besinnen. Einen Spaziergang durch den Wald zu machen und die Unebenheiten des Bodens zu genießen. Durchzuatmen. Das Fühlen (wieder) zu erlernen. Nicht nur emotional, sondern auch die Dinge, die man berührt wahrzunehmen. Einen Gegenstand und die Art und Weise, wie dieser entstanden ist. Mit allen Sinnen SEHEN …

ZAUBER EINER WERKSTATT

Von Werkstätten und Ateliers bin ich seit jeher fasziniert, und von den Menschen, die diese Kraftorte beleben. Jede Werkstatt hat einen unverwechselbaren Geruch, den es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Sie hat ihre eigene Geschichte und eine unausgesprochene, doch spürbare Philosophie. Künstlerinnen und Künstler, die Tag für Tag ihr kreatives Reich aufsperren und einem Gedanken entsprungen den ersten Handgriff ausführen. Achtsam. Menschen, die den Werkstoff ihres Herzens – sei es Holz, Metall, Keramik oder Glas – auch nach vielen Jahren mit Wertschätzung berühren. Jene Heldinnen und Helden wissen was Arbeit, Schweiß und Tränen bedeuten.

Doch zwischen den Balken tönt auch das Lachen. Die Wände tragen Erinnerungen – neben all den Plänen, Skizzen und Schaustücken. Gelebt, geschwitzt und erschaffen wird an den Werkbänken, die jegliche Stimmungen duldsam auffangen. 

Das Ergebnis jeden Tages kann man am Abend SEHEN und anfassen. Schließt man die Augen, so wird man mit der Essenz seiner Arbeit belohnt. Es sind Schritte, die nachvollziehbar sind, Handgriffe und Arbeitsabläufe, wie Rituale durchgeführt. Eine unbewusste Meditation. Eine Freude am Tun. Eine lebenslange Liebe.

DER KUNSTGLASER HENRY

Henry, der fürsorgliche Vater mit den geschickten Händen. Ein charismatischer und weitblickender Mann, der nur das Nötigste spricht. Er ist eigensinnig, introvertiert, rau und immer wieder schwermütig. Seine Schwermut basiert auf einem traumatischen Erlebnis in seiner Jugend, auch seine gescheiterte Ehe raubt Henry viel Kraft und Lebensfreude.

Seit seiner Kindheit berührt er das Glas, als wäre es aus purem Gold. Voller Ehrfurcht erlernt er das Handwerk, verwirklicht seine Phantasien in Kunstglasfenstern, Vasen und gläsernem Geschirr. Die Liebe zum Glas wurde ihm in die Wiege gelegt. Das „Das Glashaus“ ist sein Betrieb, sein Herzblut, übernommen von seinem verstorbenen Vater.

„Dünnes Glas“ wurde in dieser Werkstatt zum Leben erweckt. Der Holzdielenboden knarrt bei jedem Schritt und an schönen Tagen beleuchtet die Sonne Henrys Bühne. Dort lebt und leidet er. Das Glashaus ist ein schicksalhafter und geheimnisvoller Ort. Lerne es kennen und du lernst auch Henry kennen…

In Demut und Dankbarkeit
Deine Isa

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