Isa Hörmann Autorin Österreich
Isa Hörmann

REGENBOGENLAND

Da waren plötzlich Farben auf meiner Haut. Sie weckten mein Interesse. Entzückten mich tief. Ein Streich meiner Phantasie? Oder ein Geschenk aus heiteren Himmeln?

Als kleines Mädchen machte ich unverhofft eine Entdeckung. Unser Bad befand sich unter dem Dach. Wir hatten wenig Platz und ich genoss die Ruhe, die mir dieser Raum verlieh. Durch ein kleines Dachfenster konnte ich den Wolken zusehen, während ich die Zähne putzte oder mein Haar bürstete.

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als mich der Regenbogen fand. Barfüßig tapste ich über den Sisalteppich im Flur und bemerkte ein faszinierendes Farbenspiel auf meinem Fuß. Als hätte mich die Sonne geküsst, beobachtete ich meinen Rist und spielte mit den Zehen.

Minutenlang blieb ich an Ort und Stelle, starrte gebannt auf das Geschehen. Verwundert sah ich mich um und wollte herausfinden, woher dieser Zauber kam. Doch niemand war da. Nur ich auf unserem kratzigen Teppich, den ich eigentlich nie gemocht hatte.

Als stilles Mädchen liebte ich Farben, die das Grau meiner Schüchternheit gedanklich zum Leuchten brachten. So wollte ich es am nächsten Tag wieder sehen, das bunte Licht, doch es war nicht mehr da. Ich begab ich auf die Suche, so lange, bis wir uns wieder begegneten. Rot. Orange. Gelb. Grün. Blau. Indigo. Violett. Glückselig legte ich mich auf den Boden und ließ den Regenbogen meinen Bauch berühren.

Als ich nach oben blickte, entdeckte ich die Sonne, die durch unser Dachfenster fiel. Ich kombinierte, dass es nur das Sonnenlicht und eine geöffnete Badezimmertüre benötigte, um dieses Wunder herbeizurufen. Es war mein Geheimnis und wurde bald zum Ritual. Ich bewegte meine Hände im Regenbogenlicht, experimentierte damit und vergaß Raum und Zeit. Später benutzte ich eine Swarovski Kristallkugel, die ich einmal von meiner Oma geschenkt bekommen hatte, um das Farbenspiel im ganzen Raum zu verteilen und stellte mir vor, ich sei ein tanzendes Licht. Ich malte meine Träume an die Decke und gab mich den kostbaren Augenblicken hin.

Wenn es einmal regnete oder ein Wolkenteppich das Dachfenster bedeckte, empfand ich Wehmut und sehnte den nächsten Sonnenstrahl herbei. Am liebsten mochte ich es, die Farben auf meinem Gesicht zu spüren. Ich konnte sie nicht sehen, doch ich ahnte deren Zartheit. Sie berührten meine Seele.

Später lernte ich in Physik, dass das sogenannte weiße Licht an der Grenze zwischen Luft und Glas gebrochen und durch das Prisma in seine Farbanteile aufgefächert wird. Mein geliebter Regenbogen, die Faszination meines Rituals wurde mit einer nüchternen Theorie zunichte gemacht. Als ich bemerkte, dass sich Pink Floyd wohl auch daran erfreute, war ich beseelt und fühlte mich weniger merkwürdig.

Erblicke ich heute einen Regenbogen, denke ich immer an diese besonderen Momente zurück. Meine geheimen Zeitfenster. Ein Tanz der Farben auf meiner Haut. Und an die sanfte Wärme meiner Gedanken.

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