Begegnungen,  Isa Hörmann

Sharks

Ich liebe Zähne. Ihre individuellen Strukturen. Ihren Ausdruck. Ihre Kraft.

Viele Jahre lang habe ich in der Kieferorthopädie gearbeitet und konnte dort meine Faszination für das Gebiss, vor allem auch für die Begegnung mit Menschen ausleben.

Jeder Zahn ist einzigartig, wie ein Fingerabdruck zeichnet er uns aus. Zwischen 28 und 32 Zähnen werden es in der Regel bei einem Erwachsenen, doch wie auch sonst im Leben, gibt es viele Sonderformen. Nichtanlagen, Aplasien genannt, aber auch eine Zahnüberzahl, Hyperdontie, ist keine Seltenheit. Einem indischen Kind operieren Ärzte 526 Zähne aus dem Kiefer heraus. Eine medizinische Sensation.

Zähne brauchen ein gesundes Bett, sie wollen gepflegt werden, besonders zwischen den Räumen, sie machen Stress an ihren Schlifffacetten sichtbar und nur selten passen Ober- und Unterkiefer wie Zahnräder ineinander. Wir brauchen sie, um die Laute unserer Sprache zu bilden und sie verleihen unserem Lächeln eine persönliche Note. Es geht nicht darum, ob sie in Reih und Glied stehen, funktionieren müssen sie.

Und es gibt auch Momente, da bittet dich die Polizei um Röntgenaufnahmen eines Jungen, den du noch vor wenigen Tagen behandelt hast. Lebhaft, klug, fröhlich, mit einer stolzen und glücklichen Mutter.

“Isabel, stellen Sie sich vor, wir fliegen in den Weihnachtsferien zum ersten Mal nach Thailand! Diesen Urlaub haben wir uns schon so lange gewünscht.”

Das erzählt sie mir während ich etwas Kunststoff an den Druckstellen der Fränkel-Apparatur wegfräse. Auch der Bub ist aufgeregt und voller Vorfreude. Ich freue mich mit ihnen und wünsche ihnen eine wunderschöne Reise.

Der Tsunami 2004 im Indischen Ozean reißt den Jungen mit sich. Um den Hals baumelt seine Spangendose, als er von den Wellen in eine andere Welt getragen wird. Noch oft denke ich an dieses liebe Kind, es wäre jetzt ein Mann, ein Freund, ein Vater …

Haie ziehen mich von klein auf in ihren Bann. Die Anmut ihrer Bewegung. Ihre Intelligenz. Ihre Instinkte. In ihrer Vielfalt sind sie atemberaubend und ihre Mystik jagt mir immer wieder einen kalten Schauer über den Rücken.

Ich schnorchle in einem Atoll, lasse mich von den Wellen treiben und plötzlich ist er da. Ein paar Meter vor mir. Kein Babyhai, wie ich sie schon öfters gesehen hatte, nein, er ist groß, kein Riese, doch größer als ich. Ein grauer Riffhai. Wir schauen uns an. Ich habe Schiss. Bewege mich nicht. Staune. Das Tier verliert das Interesse an mir und verschwindet im Blau der Tiefe, so plötzlich wie es gekommen war.

Bis zu 30.0000 Zähne gibt ein Haileben her. Diese Möglichkeiten haben wir nicht. Kein Ersatz kann jemals wirklich ersetzen.

Im Ötztal werden zwei Mädchen ermordet. Es ist keine Naturgewalt, die zwei Schwestern dem Leben entreißt. Es ist ein verzweifelter Mensch.

Haie können ruhig und zutraulich sein, doch sie jagen auch, wenn es sein muss. Mit 40 km/h schießen sie bei einem Angriff aus dem Wasser empor.

Ein einziger Moment und nichts ist mehr so, wie es vorher war.

Nie mehr.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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