Isa Hörmann Autorin Österreich
Begegnungen,  Isa Hörmann

Spiegel des Wassers

Ich brauche zwei Tage, um mich an die Farbe des Sees zu gewöhnen. Ein mooriges Gewässer, dessen Schwärze meine Sehnsucht nach dem Eismeer entflammt.
 
Geheimnisvoll, der Morgen. Es ist noch früh und ich beschließe mit dem Kajak meine Spur auf der Spiegelglätte zu ziehen. Nur der See und ich.
 
Mein Ziel ist die „Skurrila“, ein Katamaran, welchen ich am Tag zuvor entdeckt habe. Das Tragdeck hat die Form eines riesigen silbergrauen Delphins. Ich will herausfinden, wer es entworfen und gebaut hat, dieses sonderbare Schiff.
 
Langsam tritt die Sonne aus dem Schatten der Nacht. Verschmelzen möchte ich. Eins sein, mit dem Gewicht des Wassers. Mein Paddel taucht ein und ich komme gedankenversunken voran. Widerstand im Wechselspiel mit Erleichterung. Sanfte Atemzüge tragen mich und ich gebe mich dem Rhythmus hin. Dazu braucht es einen Herzschlag. Leise singe ich „Teardrop“ von Massive Attack in die Mystik der Morgenstimmung.
 
Im Augenwinkel bemerke ich ein goldenes Blatt in den Wellen, ein Vorbote auf den nahenden Herbst. Womöglich das Blatt einer alten Linde? Ich schaue zurück und erkenne im Funkenregen, dass es kein Laub, sondern ein Schmetterling ist. Er bewegt sich. Ist noch am Leben. Rasch wende ich und fische das zarte Tier aus dem Wasser. Seine Flügel kleben zusammen und ich setze den Schmetterling behutsam auf dem Bug des Kajaks ab.
 
Der Fahrtwind möge dessen Flügel trocknen und die Sonne sein Gold wieder zum Strahlen bringen. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Möchte, dass er von der Luft getragen wird, so wie ich vom Wasser.
 
Schilf neben mir. Inmitten des Schilfs befindet sich ein hölzerner Steg. Dieser führt von einem kleinen Haus ins Moor. Eine nackte wohlgeformte Frau sonnt sich lesend und auf ihrem Rücken glänzt das Leben. Der Platz neben ihr ist unbelegt und ich wundere mich, wie so ein schöner Platz nur frei sein kann.
 
Besorgt schaue ich nach dem Schmetterling. Seine Flügel haben sich geöffnet und ich sehe, dass eine seiner Flügelspitzen verletzt ist. Er wird es schaffen, denke ich mir. Wir haben beide einen verletzten Flügel. Der Schmetterling und ich.
 
Vor mir liegt sie nun, die „Skurrila.“ Ich umrunde sie und stelle fest, dass sie auch heute ohne Kapitän ist. Schade, denn ich hätte gerne mit ihm gesprochen.
 
Zeit schenke ich mir, um mir die Details und Besonderheiten einzuprägen. Ich sehe Abenteuergeschichten. Verrückte Erzählungen von Schatzsuchern und mutigen Seglern.
 
Der Schmetterling ist jetzt trocken und ich entscheide mich dafür, ihn auf dem Katamaran abzusetzen. Er ist mein Geschenk an den Delphin. Vorsichtig halte ich meine Hand hin. Er lässt sich von mir aufnehmen. Wehmütig platziere ich ihn auf dem Rumpf und ich blicke nicht um, denn ich mag es nicht, Lebewohl zu sagen.
 
Ich paddle zurück zum Ufer. Ohne Eile. Es ist so herrlich ruhig da draußen.
 
Die Feder eines Vogels gleitet an mir vorbei. Das Wasser so zart berührend, als würde sie schweben…
 
„Gentle impulsion. Shakes me, makes mit lighter. Fearless on my breath.“

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