Begegnungen,  Isa Hörmann

Stella Polaris

“Du bist mein Nordstern.”

Diese Worte wurden mir einmal gewidmet. Ich weiß nicht mehr genau wann, denn ich hatte Raum und Zeit verloren, damals. Der Polarstern verändert, im Gegensatz zu den anderen Sternen, seine Position im Nachthimmel nicht, nein, er ist immer an derselben Stelle zu finden.

Ich also, der Nordstern? Ruhend in der Finsternis? Der Norden fasziniert mich seit jeher, die Dunkelheit auch, denn sie schenkt mir Geborgenheit. Ruhend aber, so fühle ich mich nicht. Vielleicht dann, wenn Tag und Nacht dazu bereit sind, einander zu umarmen.

Ein weißes, von Hand beschriebenes Kuvert erreichte mich vor ein paar Tagen. Es war ein Weihnachtsgruß des Kapitäns eines sonderbaren Trimarans, “Skurrila”, so der Name des Schiffes.

Den berührenden Zeilen war ein kleines Geschenk, beschützend verpackt, beigelegt. Neugierig war ich und sprachlos, als ich einen goldenen Stern enthüllte, selbst gefertigt, von den Händen des Kunstschmiedes. Wunderschön anzusehen, mit feinsten Schlifffacetten ausgearbeitet und glänzend wie die Sonne selbst.

Ich bin tief ergriffen von diesem Schmuckstück, dass ich es immer wieder gegen das Licht halte und staunend dessen Wirkung auf meine Seele wahrnehme. Der Stern bewegt sich, zeitlupengleich, in der Obhut des Ringes. Ein magisches Schauspiel, als würde ich die zarten Klänge einer Spieluhr hören, nur ohne Töne, doch fühlen kann ich sie.

Der Stern erinnert mich nicht nur an den Polarstern, auch ein Kompass könnte es sein. Ohne Himmelsrichtungen jedoch, denn manchmal bin ich ein bisschen verloren zwischen den Welten. Kein Nord. Ost. Süd. West. Das muss wohl so sein, wenn man eine Träumende ist. Das Erdmagnetfeld zieht mich nicht an, es ist eine andere Kraft, die mir den Weg weist.

Aber was ist ein Weg überhaupt?

Kafka meinte einst, dass Wege dadurch entstehen würden, wenn wir sie gehen.

Die zeitliche Spanne bis zum Erreichen eines Zieles? Eine Straße, die gepflasterte Via Appia der Antike oder eine unserer modernen Autobahnen, um so schnell wie möglich von A nach B zu kommen? Das Aufstehen nach dem Hinfallen? Die Resilienz? Ein Ja? Ein Nein? Ein Vielleicht? Ein Lebensabschnitt oder gar eine Lebensaufgabe? Ist der Weg eine unbewusste Art und Weise der Fortbewegung? Oder kann von einem Weg gesprochen werden, wenn die Richtung egal und das Ende der Welt erst der Anfang ist?

Stella. So auch der Name der Protagonistin meines zweiten Romans. Ich hatte etwa achtzig Seiten geschrieben, dann nahm die Pandemie ihren Lauf und mein Buch ging zeitgleich in den Dornröschenschlaf. Dieses einzigartige Geschenk hatte mich daran erinnert, die Geschichte von Stella weiterzuschreiben. Ich werde Wörter suchen, die ihres formschönen Wesens würdig sind.

Und eines Tages werde ich segeln. Mondbespiegelt, im Schein der Polaris.

Kreise. Wie Wellen. Wie Vögel. Die gleiten. Schliffe. Eingraviert. In Gedanken. In Haut. In Herzen.

Für immer.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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