Isa Hörmann

Stille des Meeres

Sie blendet mich, während ich auf dem Wasser treibe. Rücklings liege ich auf dem Sup-Board und genieße das Schlagen der Wellen. Sanft wippend tragen sie mich, wie eine liebende Mutter ihr Kind, in einen Zustand der Schwerelosigkeit. Mein Hauthunger nach Wärme verstärkt das Bedürfnis zu bleiben, im Schutze der Bucht, und dennoch draußen, weit, weit draußen.

Mit meinen Gedanken entfernt sich das Ufer mehr und mehr. Ohne es zu merken, drehe ich mich um die eigene Achse und mein Blick verfängt sich in den Masten der Seegelboote, zwischen denen ich, trotz meines Kleinseins, die Verbundenheit aller sieben Meere spüre, die Tiefe ihrer Weisheit und Macht. Diese Masten tanzen wie Mikadostäbe im Wind, in alle Richtungen schaukeln sie, als würden sie ihr Gleichgewicht auf dem Wasser suchen, beinahe so, wie ich seit jeher nach Balance trachte.

Das Meer sei immer beides, so las ich neulich, tragend und bodenlos zugleich. Wie wahr, erinnere ich mich, wie wahr … Eine Ambivalenz in perfekter Vollendung. Doch wo befinde ich mich? Werde ich getragen oder tauche ich hinab unter den Spiegel des Ozeans? Dazwischen gleite ich, im ewigen Hin- und Her der Wogen. Ich bin die Gefangene der Gezeiten, im elementaren Zustand, lebendig und kraftvoll, einer Einheit gleich, die dem Kommen und Gehen der Wellen entspringt, dem ewigen Loslassen des Nichtfassbaren.

Mühelos verliere ich mich in meinem Zustand, ich vergesse die Zeit und ihre Bedeutung. Entspannung könnte man diese Stimmung nennen, ein Auflösen der Dualität, für einen magischen Augenblick, der einfach nicht enden möchte.

Obgleich auf den Klippen nichts als Gestein und die klangerfüllte Gischt ihr Unwesen treiben, spüre ich einen Leuchtturm, seine Sicherheit und das rettende Licht. Während meines Spürens steigt der Vollmond über dem Himmel auf. Und ich muss zurück, bevor es Nacht wird, zurück an den Strand der Träume. In der Bucht von Lacona werden Seifenblasen zerplatzter Fantasien angespült. Sie erschaffen ihre eigene Welt, eine Insel aus Glas ist es, ein Zuhause für die Träume jener Menschen, die ihren Blick im Horizont verlieren, in der Zartheit der Unendlichkeit. Vorher aber springe ich kopfüber ins Meer, ich spalte es und tauche hinab auf dessen Grund, um ein Relikt aus Kalk zu fassen, um dieses Wunder der Natur sehnsüchtig auf den Weg zu schicken.

Mit weiten Sinnen kehre ich aus der Stille wieder. Tiefblau ist sie. Die Punkte an Land werden zu Menschen und deren Sprache zu Melodien. Ein Schriftzug sticht aus dieser, von Pinien gerahmten Kulisse hervor. Miramare. Der Blick auf das Meer. Es ist der Blick, der mein inneres Selbst berührt.

In Gedanken versunken zeichnen meine Finger eine Botschaft. Mit jedem Atemzug entstehen Formen, Kreise, Spiralen, die sich unaufhörlich drehen. Bilder im Sand sind vergänglich, niemals aber ihr leiser Wunsch.

Wache oder schlafe ich? Das Gestern verschmilzt mit dem Morgen. Wo war nur das Jetzt geblieben?

Es ist so schön, schweigend auf das Meer zu sehen.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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