Begegnungen,  Isa Hörmann

Unbreakable

Für mich war es nie einfach, die Erstgeborene zu sein. Zwischen meiner Schwester und mir liegen sieben Jahre. Wie Tag und Nacht sind wir und niemand hat es jemals besser geschafft, mich zur Weißglut zu bringen, als meine kleine Schwester. Und doch fehlte sie mir, wenn sie einmal nicht zu Hause war.

Meine erstgeborene Tochter ist auf die Welt gekommen. Noch etwas erschöpft lag ich in der Klinik. Glückselig darüber, ein gesundes Menschlein geboren zu haben. Mein Mädchen schlief auf meiner Brust. Unschuldig. Hilflos und auf meine Liebe angewiesen. Jetzt war ich eine Mutter. Für immer. Mein Mann und ich konnten nicht aufhören zu staunen. Niemals werde ich diese Augenblicke vergessen.

Am späten Nachmittag öffnete sich die Tür. Zaghaft. Meine Eltern betraten das Zimmer, um ihr Enkelkind kennenzulernen. Auch meine Schwester war dabei. Sie hatte an diesem Tag einen Arzttermin gehabt. Wir sahen einander an. Ein Blick und es war alles gesagt. Für die Stimmung dieses Moments kann ich bis heute keine Worte finden.

Am Tag der Geburt meiner Tochter hatte meine Schwester die Diagnose „Krebs“ erhalten. Sie war erst 23 Jahre alt. Freude und Leid. So nah beieinander, dass man es nicht glauben will.

Es tat unsagbar weh. Ihr Ausdruck, die Angst in ihren Augen, aber auch die Wortlosigkeit und der Schmerz unserer Eltern und des Umfelds – mitfühlen und dennoch stark bleiben. Es war meine einzige Option. Für mich gab es nur einen Gedanken: Sie wird gesund. Nichts anderes ließ ich zu.

Der Zwiespalt, unser Glück nicht auf jene Art genießen zu können, wie es unter gewöhnlichen Umständen hätte sein müssen, war qualvoll. Wir fanden einen Weg und haben es gemeinsam geschafft. Zwei Frauen und ein Baby.

Bis meine Schwester wieder gesund wurde, dauerte es etwa ein halbes Jahr. Dann hieß es noch weiter bangen, von Untersuchung zu Untersuchung. War er tatsächlich weg? Für immer weg?

Wir verbrachten viel Zeit zusammen, nur nach den Bestrahlungen mussten wir jeweils ein paar Tage Abstand halten. Wir haben miteinander gelacht und geweint. Wir kamen einander nahe wie noch nie zuvor und ich war unglaublich stolz auf meine Schwester. Sie war tapfer – trotz ihrer körperlichen Schwäche – und hätte dieser verdammte Portacut nicht unter ihrem Schlüsselbein herausgeragt, hätte man glauben können, ihr neuer Kurzhaarschnitt wäre aus einer Laune der Unbeschwertheit heraus entstanden.

Oft habe ich mich gefragt, ob diese schwere Zeit Spuren bei meiner Großen hinterlassen hat. Mir ist bewusst, dass ihr Leuchten zur Genesung meiner Schwester beigetragen hatte. Manchmal schaue ich meine Tochter an, bis sie mir sagt:

„Mama, glaub es doch endlich. Ich bin einfach nur ein glückliches Kind.“

Meine Schwester hat heute eine eigene Familie. Alle sind gesund. Ein Mädchen und ein Junge lassen sie Tag für Tag spüren, wie wertvoll das Leben ist. Und dieses Geschenk feiern wir gemeinsam.

We are unbreakable, sis. I love you.

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