Begegnungen,  Dünnes Glas

Vom Suchen der Nähe

Endlich wieder ein Konzert erleben. Tanzen. Singen. Freude teilen. Sich treiben lassen, bis der Schweiß tropft. Live und unmittelbar echt. Die Musik auf allen Ebenen spüren. Viel zu lange ist es her!

Ich erinnere mich. Die Olympiahalle in Innsbruck. Ein Konzert von vielen, doch es war ein besonderes. Ausverkauft. Menschen. Tausende. Dicht an dicht. Die Stimmung magisch. Locker. Berauscht.

„Wir werden die besten einsamen Menschen aller Zeiten sein“, singt, nein, brüllt Marco Michael Wanda in sein Mikro. Uneitel. Wild. Aus dem Bauch heraus. Ein anderer Kontext. Doch jetzt sind wir – sozial – einsam. Wir befinden uns mehr oder weniger in einer Schockstarre, wohlwissend, dass die nächste Zeit herausfordernd sein wird. So, wie es auch in den letzten Monaten gewesen war. Natürlich, jeder hat einen anderen Zugang zum großen Fluch. Aber ich will nicht mehr.

Abstand. Babyelefantenparade. Nachrichten. Die mediale Flut. Angstmache. Schulwahnsinn. Homeoffice. Testungen. Fälle. Ergebnisse. Zahlen. Fakten. Keine Testungen. Keine Fälle. Regeln. Verbote. Händewaschen nonstop. Desinfizieren. Grenzen. Kontrollen. Beschimpfungen. Schuldzuweisungen. Masken. Visiere. Halbvisiere. Ampeln wo keine Straßen sind. Wie lange noch?

Kulturell fühle ich mich ausgehungert. Kaum Veranstaltungen. Wenige Ausnahmen. Das Leben schläft und ich träume von Begegnungen.

Corona-bedingt musste ich vier Lesungstermine absagen. Es war schade, aber in Ordnung. Als ich einen Anruf erhielt, ob ich Lust hätte, eine Open Air Lesung zu halten, sagte ich begeistert zu.

Voller Freude fuhr ich Richtung Arlberg und fragte mich, wer denn so mutig sein könnte, sich in Zeiten wie diesen auf eine Kulturveranstaltung zu wagen. Nur für einen einzigen Zuhörer hätte ich mit Hingabe gelesen. Es waren mehr.

Grins. Ein kleines Dorf im Tiroler Oberland. Sonnig. Speziell. Verwinkelt. Dort gibt es einen Kulturverein. Engagierte Menschen, die dafür sorgen, dass Spielraum für Kunst geschaffen wird.

Die Lesung fand am Sonntagnachmittag im „Bang-ART-li“ statt. Ein altes Bauernhaus, eine wunderschöne historische Kulisse. Sessel und Sonnenstühle waren luftig auf der Wiese und in der Einfahrt verteilt, daneben ein kleines Buffet. Ein alter Holztisch, ein Stuhl für mich und liebevoll gebundene Salbeisträußchen. Hinter mir ein Barhocker, platziert für den Saxophonisten, der mich stimmungsvoll begleitete. Ich war verzaubert. Von den Menschen, die alles so wertschätzend vorbereitet hatten, von ihrem Lächeln, von ihrer Freude.

Plötzlich trudelten die Gäste ein. Neugierig, mit einem Leuchten in ihren Augen. Die Musik begann was ich durch Worte ins Jetzt brachte. Mein Vertrauter wünschte mir Glück, gab mir Kraft und blickte hinter einem Pfeiler hervor. So wurden Henry und Lola zum Leben erweckt …

Sich ansehen. Zuhören. Genießen. In gewünschter Distanz, doch einander nahe. Es war schlichtweg wundervoll. Ich bin dankbar.

Verbundenheit. Nur anders.

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