Begegnungen,  Isa Hörmann

Weil du bist und ich bin, wenn wir sind

Deine Rinde fühlt sich an wie Haut. Ihre Spuren verlieren sich in deinem samtenen Kleid. Wenn ich meine Stirn mit geschlossenen Augen gegen deinen Stamm lehne, wird es ruhig in mir. Manchmal reibe ich genüsslich meinen Rücken an deiner braunroten Borke, dann atmen wir gemeinsam und sind einfach nur das, was wir sind. Ein Baum und eine Frau.

Du bist mein Baum. Eine Kiefer. Mächtig, ohne machtvoll zu sein. Dich habe ich gewählt, vor einigen Monaten, als ich mit meinem Hund Felix das kleine große Glück im Wald, fernab aller Medien und Maßnahmen, entdeckte. Ein Pfad abseits des Weges hat mich zu dir geführt. Wie lange greifen deine Wurzeln bereits in mein Waldreich? Wie lange schon?

Ich suchte Stille und habe dich gefunden.

Lege ich meine Handflächen auf dich ist es, als könne ich deinen Herzschlag spüren. Zart pulsierst du unter den Jahresringen deiner Erfahrung. Es gibt Tage, da renne ich an dir vorbei, euphorisch abwärts, schnell wie der Wind und ich streife dich nur kurz mit meinen Fingern, damit du weißt, dass ich da war. Jedes Mal aber berühre ich dich und jedes Mal nehme ich dich wahr. Als ich einmal meine Arme um dich legte, dich mit allen Sinnen spürte, kam tatsächlich jemand vorbei, damals. Wir lachten leise und teilten uns die Freude.

Dein Harz ist wertvoll, ebenso die Essenz deiner leicht gedrehten Nadeln und deine ätherischen Öle befreien meine Atemwege, sie geben mir Raum. Niemals werde ich deinen Geruch vergessen, niemals …

Möchtest du vielleicht mit einem deiner Äste meinen Zopf lösen, und mit ihm mein Gedankengeflecht? Ein Luftzug wird mir dabei durchs Haar fahren und du wirst dich bemühen müssen, die widerspenstige Strähne einzufangen. Sie möchte davon fliegen, so, wie der Bussard, der neulich prächtig über uns segelte.

Man sagt dir nach, du seist der Baum der Geduld, die Föhre der Ewigkeit. Wie lange können uns Worte und Gedanken lebendig halten, wenn es doch das Begegnen ist, das wir gerade schmerzlich vermissen?

Du beschützt mich, bewertest mich nicht, bist immer an meiner Seite. Auch ich möchte dich in Schutz nehmen. Ich werde dafür sorgen, dass du jedem Sturm standhältst. Unser Geheimnis werde ich behüten wie einen Schatz, damit dich niemand findet und deine Krone sich dem Licht zuwenden möge. Golden glänzend wird sie über den Wipfeln verweilen. Auch ausruhen sollst du dich dürfen, langsam gedeihen, gemeinsam mit mir.

Du bist mein Kraftort. Ich bade in deiner Geborgenheit. So nah und nährend gibst du, doch ohne zu nehmen. Je länger wir uns kennen, desto mehr fühle ich mich. Das feuchte Erdreich um dich und das elegante Moos, sie betten deine Wurzeln und deine kurz gestielten Zapfen scheinen unerreichbar zu sein. Deren Anziehungskraft wirkt wie ein Magnet auf mich. Am liebsten würde ich mich auf die Zehenspitzen stellen, meine Arme ausstrecken und die Zapfen pflücken, wie die Blüten eines japanischen Kirschbaums.

Liebste Kiefer mein, so schön bist du. Bitte bleib bei mir.

Für immer.

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