Begegnungen,  Isa Hörmann

Wir

Hände sprengen die Grenzen der Sprache. Es ist, als würde durch deren Wärme die Essenz der Berührung fließen. Seit Monaten passieren wir Straßen der Ohnmacht, müssen uns wöchentlich formen, nahezu hingegen unserer Natur anpassen. Da sind gute Tage, Tage die Früchte tragen und Zuversicht schenken, doch der Mangel an Begegnungen und Gesprächen, die echt sind, hinterlässt Spuren, deren Tiefe wir nicht fähig sind zu ahnen. Die fortschreitende Ungewissheit, lähmend und schmerzhaft wie Schlangengift. Dennoch, wir finden neue Wege, Kanäle der Vernetzung, selbst außerhalb des virtuellen Raumes. Wohin aber gehen?

Die Zeit sinnvoll zu nutzen, wird einem nahegelegt. Sich weiterzubilden, niemals stehenzubleiben, Hauptsache voran, nur voran. Immer mehr können ist an ein immer mehr müssen gekoppelt. Ist das Müssen jener Ort, wohin wir uns entfalten wollen oder das Dürfen?

So sehr wir bereit sind, uns in Bescheidenheit und Reduktion zu üben, so sehr wir wissen, wie wenig benötigt wird, um zu sein, so sehr haben wir nie gewusst, wie wertvoll eine einzige Berührung ist.

Ein Spaziergang nach der Arbeit, die Gedanken austauschen, vertrauen, sich an jemandes Schulter anlehnen, ein scheinbar beiläufiger Moment, der vollkommener nicht sein könnte. Eine Hand, die im Gespräch ein Zuhause auf dem Unterarm des Gegenübers findet. Zwei Augenpaare, einander auffangend. Ein Lächeln, das zurückkehrt. Zwei Tassen Kaffee und der Klang einer Stimme, die sich liebevoll den Weg pflastert, dorthin, wo berührt statt gefordert wird.

Manchmal rufen Umstände ein Gefühl der Machtlosigkeit in einem hervor. Verbale Pfeilspitzen, die scharfzüngig verletzend alte Wunden öffnen. Hier hilft wohl das geglückte Loslassen der Trauer. Voran, immer voran, so heißt es doch. Wäre es hie und da nicht eine Wohltat, auf einem Berggipfel zu stehen und dieses Rufen in ein Brüllen umzuwandeln? Ein ausgewachsener Löwe ist etwa acht Kilometer weit zu hören. Kann ein Befreiungsschrei überhaupt in Dezibel gemessen werden?

Und dann gibt es Lichtblicke, wenn es heißt: “Komm, lass uns am Samstag langlaufen gehen! Wir treffen uns um zwei.“ Ich bin da und meine Freundinnen auch. Es sind mehr als vereinbart, unsere Mädelsrunde, bis ich es verstehe. Eine Überraschung zu meinem Geburtstag, der irgendwann war, es nicht wichtig, doch die Geste berührt mich, so sehr. Zwei von uns haben sich extra eine Ausrüstung ausgeliehen, damit wir zusammen losziehen können, am schneebeglänzten Plateau. Mit Gelächter, Freude und Unbeschwertheit im Gepäck fühlt sich das Leben leichter an. So fahren und fallen wir dahin, bis ich in der Ferne einen Stadel sehe, davor ein Tischchen, ein paar Gläser und Sekt, ein Kuchen und köstliche Beeren. Für mich. Für uns. Jetzt weine ich vor Glück.

Verbundenheit in Zeiten der Distanz. Jemanden eine Freude machen. Einfach so. Gemeinsame Zeit genießen. In der Sonne, die für uns scheint.

Augenblicke. Die bleiben. Sind schlicht. Doch vollkommen.

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