Dünnes Glas,  Isa Hörmann

Zeilen der Sehnsucht

Meine Geliebte,

es ist an der Zeit, dass ich dir schreibe. Du fehlst mir. So sehr, dass es schmerzt …

Die vergangenen Monate haben mich herausgefordert. Die Freiheit zu wählen wurde uns genommen und viele haben Angst. Zumindest konntest du dich von deinen Strapazen erholen. Ich habe gelesen, dass die Delphine zu dir zurückgekehrt sind. Das ist einfach wundervoll.

Erinnerst du dich noch an unsere erste Begegnung? Unser Kennenlernen liegt nun schon 24 Jahre zurück. Du hast mich begrüßt, indem sich der Himmel über uns öffnete. Ein Wolkenbruch nur für mich, als ich staunend über die Ponte della Costituzione schritt. Bestimmt wolltest du mir zeigen, wer hier die Königin ist und ich weiß noch, wie ich meine Arme zu Flügeln ausbreitete und meinen Nacken zurücklegte, um deinen Regen zu kosten. Er schmeckte wie Gold und ich gehörte dir.

Jedes Mal, wenn ich dich besuchte, haben mich Menschen begleitet, die mir nahe sind. Und jedes Mal habe ich dich anders erlebt und neue Seiten an dir entdeckt.

Die vielen Touristen waren wie Konfetti für mich – kleine bunte Farbpunkte in einer märchenhaften Stadt – doch irgendwann wollte ich dich für mich allein. Ich verspürte den Drang, dich in ruhigen Zeiten zu erkunden. Im Winter, wenn dich der Nebel bettet und die Mystik in den Gassen Einzug hält. Wenn man sich beinahe davor fürchtet, dich in der Dunkelheit zu begehren, dann bist du für mich am faszinierendsten.

Mein erster Blick über den Piazza San Marco. Diese unfassbare Schönheit und der Zauber deines Herzstücks haben mich geprägt. Ein kleines Orchester hieß mich willkommen und es zog mich an jenen Ort, der bis heute für Schriftsteller und Künstler als Zuhause gilt. Ein Glas Prosecco im Caffè Florian, dazu Kartoffelchips und Oliven. Die Streicher spielten Vivaldi und ich blieb sprachlos zurück.

Liebstes Venedig, durch dich habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, älter zu werden. Die Risse in deinen Fassaden machen dich zu dem, was du bist. Jedes Gebäude, deine Kanäle und Brücken, deine Eleganz – das alles fesselt mich. Überdies hinaus besitzt du die sonderbarste Buchhandlung, die ich je betreten habe. Du bist mehr Samt, mehr Musik, mehr Leben … einfach mehr.

Ich sehe das Glas und die Künstler, die Farben und Formen schaffen, so bunt und facettenreich.

Du kennst meine Geheimnisse, Erinnerungen, Sehnsüchte und Ängste. Vor dreizehn Jahren machte sich eine Flaschenpost auf den Weg, deine Lagune zu bereisen. Manchmal frage ich mich, ob sie jemals gelesen wurde …

Mein Körper verlangt nach deiner Anmut, während meine Seele nach dir weint.

Auch Henry und Lola waren bei dir und haben ihre unsichtbaren Spuren hinterlassen. Sie brauchten dich, so wie ich es tue.

Wenn wir uns wiedersehen, dann laufe ich barfuß über dein Pflaster. Ich möchte dich spüren, dich mit allen Sinnen wahrnehmen. Vielleicht trete ich auch auf einen kleinen Glassplitter … Er möge mir zeigen, wie sehr ich lebe.

Venedig, mich sehnt es nach dir.

Ich bin dein. Für immer.

Isabel

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