Isa Hörmann Autorin Österreich
Isa Hörmann

Zeitreisenjagd

„Wie lange ist für immer?“, möchte Alice wissen. 

„Manchmal nur für eine Sekunde.“

Der weiße Hase fordert mit seiner Antwort nicht nur verträumte Kinderherzen heraus, sondern auch zahlreiche philosophisch denkende Geister rund um den Globus.

Als kleines Mädchen konnte ich die tiefgehende Bedeutung des Meisterwerks von Lewis Carroll nicht annähernd interpretieren. Die Faszination überwog, ebenso der Wunsch, mich durch den Verzehr verlockender Kekse in eine fiktive Welt zu katapultieren, fernab von erzieherisch gewöhnlichen Wertigkeiten. Ich wollte die Pforte des Wunderlands betreten, Abenteuer erleben und mich mit ungewöhnlichen Wesen herumschlagen. Der Kampf eines Mädchens gegen Missverständnisse jeglicher Erwachsenennatur. Ein Akt der Selbstbefreiung. Damals wie heute.

Tick.

Die Zeit fließt unaufhörlich.

Tack.

Sie steht niemals still und doch wünsche ich mir jene Momente herbei, wo sich nichts mehr zu bewegen scheint.

Tick.

Die ganze Welt möge für einen Augenblick den Atem anhalten. Und trotzdem weiteratmen. Aber ruhig und friedlich und ohne Konsequenz.

Inzwischen bin ich erwachsen, doch meine Tagträume halten mich nach wie vor lebendig. Sie sind nicht weniger geworden. Nein. Sie haben sich nur verändert. Heute setze ich sie bewusst ein, um mir gedankliche Auszeiten zu nehmen.

Als ich den Film „The Secret Life of Walter Mitty“ zum ersten Mal gesehen habe, fühlte ich mich dem Filmcharakter des Protagonisten sehr nahe. Walter. Ein scheuer Tagträumer mit Liebe zum Detail und Jäger versteckter Botschaften. Walter verfällt in heldenhafte Abenteuer und macht sich auf die Suche nach einem verlorenen Negativ des „Life!“ – Fotografen O´Connell. Seine Reise führt ihn an die abgelegensten Plätze der Erde, dabei kommt er seiner großen Liebe näher und setzt sich über jegliche Grenzen hinweg, bis er letztlich im Himalaya Gebirge auf O´Connell trifft. Was der Schneeleopard in diesem Moment für die beiden Männer darstellt, könnte man als „Quintessenz des Lebens“ bezeichnen, ebenso das fehlende Negativ, dessen Abbild das einzig Wahre spiegelt.

Meine Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen hie und da. In Gedanken bretterte ich heut Morgen – im Windschatten Walters – mit dem Longboard einen isländischen Berg hinunter. Unwissentlich fuhren wir dem bevorstehenden Vulkanausbruch davon. Die Geschwindigkeit ließ uns alles vergessen und die Freiheit im Reich der kargen Schönheit Islands genießen.

Die Zeit macht vor niemanden halt. Es geht um den Augenblick, der berührt. Es geht darum, Gedanken miteinander zu teilen. Sich zu begegnen. Verstanden zu werden. Das Gewesene anzunehmen. Das Jetzt zu feiern. Und das Kommende mit weit geöffneten Armen zu empfangen.

Tick.

Du schüchterst mich nicht ein.

Tack.

Komm, lass uns leben!

Tick.

Jeder Tag ist ein Geschenk.

Tack.

Wir lesen uns.

Und jetzt sag mir: wie lange ist für immer?

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