Isa Hörmann

Aussicht

Geduldig verweilen ein Tischchen und zwei Stühle auf der historischen Terrasse. Die Stille dort ist erfüllt von den Lichtern und Stimmungen des Tages. Ein Knistern liegt in der Luft, von der Hitze, die um sich greift. Vor mir eröffnet sich majestätisch eine Weite in Azurblau, sie ist einfach da. Diese Weite trägt Nuancen der Freiheit in sich, das Aroma von Salz …

Ist dies der Geschmack des Lebens? Meines Lebens?

Ein Geländer aus Stein lässt das Wechselspiel von Licht und Schatten tanzen, gibt einen Rahmen ohne Grenzen vor. Diese Brüstung beschützt seine Betrachterin davor, nicht vollends mit dem Bildnis zu verschmelzen. Tiefblau und offen, geheimnisvoll und weise fließen alle sieben Meere in Wassern aus Seide zusammen. Die Oberfläche ist ruhig und gleichmäßig, während darunter sich die Strömungen in Duellen zwischen Ebbe und Flut zeigen.

Manchmal, an besonderen Tagen, verschwimmt die zarte Linie weit draußen am Horizont, wie von einer Impressionistin mit zarten Pinselstrichen verwischt. An diesen Tagen berührt der Himmel den Ozean mit seinen Lippen. Ein Moment der vollkommenen Verbundenheit. Ohne Worte ist alles gesagt.

Wenn es Nacht wird und die Helligkeit mehr und mehr erlischt, wandelt sich das satte Grün der Blätterkleider in einen lebendigen Vorhang, dieser sich in den Winden verliert. Das Rauschen des Meeres trägt mein Innen leise.

Gib mir ein Meer und ich atme das Glück.

Säulen aus Stein tragen das Dach aus Balken, den mächtigen Baldachin, der – ohne es zu wollen – den Blick auf die Sterne und auf den Mond verhüllt, wo man doch nur träumen möchte, an so einem Platz.

Eine bescheidene Laterne schenkt Geborgenheit, sie ist ein Leuchtturm in stürmischen Zeiten. Wie gut, dass da immer ein Licht ist, als Anker für Hoffnung und Dankbarkeit.

Ein Tischchen und zwei Stühle, am Fenster ohne Glas, ein Ausblick, der nie enden möchte. Und in der Ferne klingen gläserne Klänge aus dem Schiff der Träume. Welch unfassbar schöne Welt der Zwischentöne.

Hier möchte sie sitzen und schreiben.

Hier möchte sie sein.

Hier ist sie.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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