Begegnungen,  Isa Hörmann

Die Frau im Zug

Ich steige in einen Zug, suchend nach Licht. In diesem Zug erwartet mich mein Platz. Da ist immer ein Fenster, irgendwo eine Scheibe, kalt und klar, so wie ich es mag. Ein Glas als Pforte zur Welt. Dankbar setze ich mich und lasse mich hineinfallen in die Weichheit aus Samt. Ein Abteil für mich allein schenkt mir Freude. Endlich Zeit, Zeit um meinen Gedanken nachzuspinnen. Ich flechte und verwebe scheinbar Unscheinbares, bis aus den unzähligen Knoten ein Bildnis entsteht. Ab und an, wenn der Moment gekommen ist und Stimmungen zu Papier fließen möchten, lasse ich es zu und beginne zu schreiben.

Man weiß nie, was geschieht, wenn man in einen Zug steigt. Jede Fahrt birgt eine neue Geschichte. Wer begegnet mir? Und wem begegne ich? Möchte ich überhaupt jemandem begegnen? Vorsichtig wird die Tür geöffnet. Viel zu früh, denke ich. “Möchten Sie vielleicht etwas trinken?” Eine freundliche Männerstimme in rubinroter Dienstkleidung lenkt meine Aufmerksamkeit um. Die Weichen werden neu gestellt. “Einen Espresso, sehr gern”, antworte ich leise. Gerade richtig, denke ich jetzt. Der Duft der Schwärze schließt meine Augen und lässt mich lächeln. Genussvoll berühren meine Lippen die Crema. Mein Mund begrüßt das Leben und mir wird warm. Ein kleiner Schluck vom großen Glück. Welch schöner Einstieg für diese Fahrt.

Ist es eine Fahrt, tatsächlich? Vielleicht verharrt der Zug der Träume einfach nur auf den Schienen und die Landschaft zieht an mir vorüber. Alles eine Frage der Wahrnehmung. Illusion versus Desillusion, dazwischen besetzt die Realität ihren Thron. Plötzlich höre ich zarte Töne. Fellinis Narren lassen, weit entfernt von mir, gläserne Klänge zu einer Melodie geschehen. Die Zeit steht still. Jeder Ton sitzt. Jeder Ton wirkt. Jeder Ton ist vollkommen.

Mir ist nach Ruhe, so findet meine Schläfe ihr Widerlager, ehe sich irgendetwas bewegt. Das Außen, getrennt und verbunden durch eine Scheibe, sucht das Innen. Es spielt keine Rolle, wohin ich reise, aber ich reise immer irgendwo hin. Vertieft in Erinnerungen denke ich an die liebenden Fremden von einst. Ein Mann und eine Frau, einander vertraut, völlig in sich versunken, sie begleiten mich unsichtbar auf meinen Wegen.

Berge neben mir. Sie hören einfach nicht auf. Bedrohend wundervoll. Enge, Licht, Schatten, Geröll, Bäume, Häuser, Schnee und der Hunger nach Frühling. Ich möchte auf das Meer sehen, das Salz schmecken, den Horizont berühren, dorthin greifen, wo Himmel und Erde verschmelzen. Ich will ein Ozean sein.

Der Zug und ich. Ich und der Zug. Was möchte ich eigentlich erzählen in dieser Geschichte? Worte wie Bilder, sie ziehen vorüber und rattern auf den Gleisen der Stille. Mein Kopf ist leicht, die Zeit verloren und meine Landschaft geformt.

Ich steige aus und komme an, ohne anzukommen, tausche die Bühne gegen das Licht der Sonne.

Schade, dass ich bei Tage reise. Diesen Himmel hätte ich gerne bei Nacht gesehen.

So verlasse ich den Zug und öffne mich der Frage: Wohin gehe ich?

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

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