Isa Hörmann

Die Krallen des Tigers

Norden, wo bist du? Sand brennt in den Augen. Unter glühenden Tränen zerreißt er ihren Traum. Orientierungslos greift sie um sich. Unentwegt versucht sie, das Steuerrad zu fassen. Sie kann dessen Wildheit hören, es dreht und dreht sich, und auch das Steuerrad sucht nach ihr, nach der Heimat ihrer zarten Hände. Die Kapitänin, verloren auf einem Schiff ohne Anker. Das Schiff hatte das Meer verlassen, dem Horizont den Rücken zugekehrt, ohne es zu wollen, denn es liebte seine Unendlichkeit, dennoch war es geschehen. Das Azur des Meeres, der Ozean selbst, sein Element, das Wasser, es wandelt sich in jener Nacht in ein Meer aus Sand.

Ungelenk gleitet das Schiff über wütende Dünen. Der Sturm hat seinen Höhepunkt erreicht. Eine Silhouette auf dem Zenit eines Wüstensturms sehnt sich nach Halt.

Keine Nacht gleicht der anderen. Die Geheimnisse der Dunkelheit greifen nach den Sternen. Auch, wenn die Sicht heute weder klar noch frei von Trockenheit und Staub ist, weiß die Suchende über die Schönheit eines Wüstenhimmels bei Nacht. Sie weiß, dass der Nordstern immer da ist, dass er immer für sie da sein wird. Eine leise Stimme säuselt, während der Sturm tobt, doch die Windböen ersticken ihren Ruf. Die Kapitänin wünscht sich, dass die Welt still stehen möge, dass sich nichts mehr bewege, nur, um diese Stimme zu hören. Plötzlich ein Ruck, das Schiff steckt fest. Ein zwingender Moment der Besinnung geschieht. So verlässt sie den maroden Kahn und eine Laterne schenkt der Finsternis Licht. Entschlossen setzt sie ihren Weg zu Fuß fort, barfuß, der Sand noch warm von der Hitze des Tages. Die Frauengestalt folgt allein ihrer Intuition, sie lässt sich nicht aufhalten, weder von dem Orkan, noch vom Einsinken, vom scheinbaren Feststecken.

Allmählich lässt der Sturm etwas nach und der Himmel öffnet sich der Sanftheit des Morgenlichts. Die Kapitänin ignoriert Hunger und Durst, reizt ihre Kraftreserven bis zur völligen Erschöpfung aus. Das Wiegenlied des Windes verstummt mit dem Anbruch des Tages und sie kann nun hören, was die Stimme ihr sagen möchte. Welch Erleichterung. Alles ist gut.

Ihr Fuß stößt auf etwas Hartes. Die Reisende kniet nieder und beginnt mit ihren bloßen Händen zu graben. Ein Flügel kommt zum Vorschein und sie gräbt weiter, kann nicht mehr aufhören damit, sie befreit das Wunder, welches darauf wartet, entdeckt zu werden. Der Flügel gehört zu einer Möwe. Diese Möwe verweilt auf dem ausgestreckten Arm einer Frau. Die Kapitänin wühlt allen Sand von der Skulptur, mehr und mehr kommt sie zum Vorschein. Mit getanem Werk atmet sie auf, sie wacht auf, und der Sand formt sich zum Meer. Er ist das Meer.

Das Mädchen mit der Möwe hatte sie erwartet, um ihr den Weg zu weisen. Eine kleine Muschel ruht auf dem Schulterblatt der Statue. Die Kapitänin erlaubt sich, diese Muschel zu behalten, ein Relikt der Vergangenheit, von einer Botin der Meere, sie erlaubt sich, anzunehmen.

Sand und Wasser. Wasser und Sand. Der Norden ist zurück gekommen.

Du bist zurück.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.