Begegnungen,  Isa Hörmann

Sensibilité

In der Mitte Blumen und Licht. Zwölf Frauen betreten den Raum, sie finden ihren Platz. Leise ist es. Augenpaare fangen sich ein und suchen hungrig eine Tränke. Da sind auch Lider, die sich schüchtern schließen. Bewusst nehme ich Neugier und Freude wahr, Wohlgesinntsein, gepaart mit den Spuren von Fassungslosigkeit und Ermüdung. Boten der Zeit. Sie zeichnen die Gesichter neu.

Mein Arbeitstag beginnt. Es ist 8.00 Uhr. Ich stelle mich vor und verbinde mich mit den Menschen, die einen Raum mit mir teilen.

Eine elegante Dame, Ende Sechzig etwa, sie war bereits am Vortag in meinem Kurs, sitzt heute direkt vor mir. Ihr sanfter Blick findet Ruhe in meinem Blau. Wie immer führe ich unsere Gäste durch eine Meditation, bevor ich mit einer Atemübung fortfahre und mit Körperhaltungen anknüpfe, die fließend ineinander übergehen. Die Bewegung folgt dem Atem.

Eine Matte. Ein Mensch. Eine Gruppe. Eine Einheit. Ich liebe die Einfachheit im Yoga. Allein die Präsenz ist es, das Ankommen im Ich, das Spüren von Körper und Geist.

Eine ausgedehnte Schlussentspannung schließt jede meiner Stunden. Rutiniert entzünde ich ein Stück Palo Santo. Dessen Wirkung reinigt, öffnet das Herz und beruhigt die Atmosphäre. Ich leite den Rauch des heiligen Holzes über die Körper der Frauen. Brustkörbe heben sich, sie saugen die Wirkung ein, eine Brührung am Arm, mein Zeichen: ich bin da, ich passe auf dich auf.

Neulich wurde ich gefragt, was meine Stärke ist und was ich als meine Schwäche bezeichnen würde. Meine Gefühlsbetontheit, kam unmittelbar aus mir hervor. Eine Antwort auf zwei Fragen, Segen und Fluch, oftmals ganz nah beieinander.

Während der Rauch sich verflüchtigt und die Frauen nach der Verabschiedung dankbar und entspannt das Dojo verlassen, sucht die besondere Dame meine Nähe.

“Est-ce que tu parles français?”, fragt sie mich, etwas leise.

Eine Französin. Sie konnte also nichts von dem verstanden haben, was ich während der Stunde angeleitet hatte. Dennoch, sie schenkte mir, einer Fremden, ihr Vertrauen. La Dame folgte dem Bewegungsfluss, sie gab alle Verantwortung ab. Wir unterhalten uns und der Klang ihrer Stimme beschenkt mich reich.

“C’est ta sensibilité. C’est ta touché.”

Meine Sensibilität, meine Berührung, ich gab ihr Sicherheit.

Mit Leidenschaft unterrichte ich Yoga in einem Gesundheitshotel und bin dort auch an der Spa-Rezeption tätig. Es ist meine Aufgabe, den Menschen Gutes zu tun, mich um deren Bedürfnisse zu kümmern. Am Tag der Französin begleitet mich unaufhörlich eine Frage: Worauf legen wir unseren Fokus?

Jeder Mensch hat positive Eigenschaften. Wie würde unsere Welt aussehen, würden alle jene Eigenschaften erkennen, die sich affirmativ auf andere auswirken und diese auch nutzen? Wäre dann nicht allen geholfen?

Die Künstlerin Yayoi Kusama meinte einst:“ As long as my life lasts, I want to live.“ Worte, die sich für immer in meine Seele eingraviert haben, in einem Moment, der alles veränderte.

Ein Leben, erfüllt mit Leben.

Ich spüre die Worte, die ich schreibe. Berühren möchte ich. Erkennen. Und manchmal auch Eis brechen ... Debütroman "Dünnes Glas", 2019 | "Mein Blau" Life is a Story, 2020 | "Die Traumwächterin" Life is a Story, 2021 | Schwarz Blog | Kurzgeschichten auf story.one

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.